Formel 1 : Wohin steuert Mercedes?

Hinter den Kulissen war es schon lange bekannt: Der Daimler-Betriebsrat steht dem Formel-1-Engagement von Mercedes angesichts der Wirtschaftskrise sehr kritisch gegenüber. Sportchef Norbert Haug verspürt einen Rechtfertigungsdruck.

Karin Sturm

Sachir - Seit einiger Zeit kursiert in Stuttgart ein internes Papier, in dem vorgerechnet wird, wie viele Arbeitsplätze mit einem Formel-1-Ausstieg gesichert werden könnten. Jetzt ging der Betriebsratsvorsitzende damit in die Öffentlichkeit. „Die Formel 1 hat keine Akzeptanz in der Belegschaft“, sagte Helmut Lense der „Stuttgarter Zeitung“. Die Reaktion der Beschäftigten auf den Betriebsversammlungen in allen Daimler-Werken im April hätte dies gezeigt, das müsse man zur Kenntnis nehmen. Und: „Wäre es nicht jetzt das richtige Signal, aus der Formel 1 auszusteigen und sich stattdessen konsequent auf umweltfreundliche Antriebstechnologien zu konzentrieren?“

In dieser Hinsicht kann Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug immerhin auf das Energierückgewinnungssystem Kers verweisen, das McLaren-Mercedes einsetzt. Außerdem betont Haug immer wieder, dass man die Formel 1 seit dem Wiedereinstieg 1994 nicht zum Selbstzweck betreibe. „Wäre unser Haus nicht davon überzeugt, dass wir damit Wettbewerbsfähigkeit beweisen und mehr Autos verkaufen können, wären wir nicht dabei.“ Am letzten Sonntag in China hatte er schon einmal erklärt, dass „jeder das Recht habe, seine Meinung zu äußern“, aber auch durchblicken lassen, dass der Betriebsrat aus seiner Sicht mit falschen Zahlen jongliert. Man müsse die Rechnung ganz anders aufmachen, indem man die Formel 1 als Werbeinstrument sehe und dessen Wirksamkeit mit einkalkuliere. Das sieht auch Konkurrent Mario Theissen so. „Das Formel-1-Projekt wird vom Vorstand regelmäßig bewertet“, sagt der BMW-Motorsportdirektor. „Ergebnis der Analyse: Die Formel 1 ist für BMW wertvoll.“ Man stehe „uneingeschränkt positiv“ dazu.

Dass zumindest Haug einen Rechtfertigungsdruck für das Formel-1-Engagement verspürt, ist aber nicht zu übersehen. Erstens äußert sich dies in einer gewissen persönlichen Nervosität, zweitens auch darin, wie entschieden er immer wieder publiziert, wie profitabel doch das Kundengeschäft mit den Mercedes-Motoren sei. 25 Prozent Rendite sollen die Motorenlieferungen an die Teams Brawn und Force India abwerfen.

Dass es in dieser Situation für Mercedes nicht gerade hilfreich ist, durch den McLaren-Lügenskandal wieder einmal in negative Schlagzeilen geraten zu sein, ist aber auch Haug klar. Sollte der Weltrat des Automobil-Weltverbands Fia McLaren für die Lüge von Teammanager Dave Ryan und Lewis Hamilton in Australien wie im Spionageskandal von 2007 erneut heftig bestrafen, dann wäre das natürlich Wasser auf die Mühlen der Formel-1-Gegner im eigenen Hause. Nicht ausgeschlossen ist, dass der Mercedes-Vorstand dann tatsächlich einen Ausstieg ins Auge fasst.

Im Fahrerlager von Bahrain lösten die Meldungen aus Stuttgart jedenfalls schon ein gewisses Erschrecken aus. „Das ist schon ein Schock“, meinte Williams-Pilot Nico Rosberg. Das sei auch ein weiterer Hinweis darauf, dass die Formel 1 mit ihren Kostenreduzierungsplänen weiter ernst machen müsse, „um entweder die Werke zu halten oder aber es umgekehrt möglich zu machen, dass Privatteams ihren Platz einnehmen können“. Immerhin gibt es neue Interessenten, etwa Aston Martin, das frühere Formel-1-Team Lola und mehrere Teams aus der GP2-Serie. Immer unter der Voraussetzung, dass die für 2010 angekündigte günstige Formel 1 mit einem Maximalbudget von 33 Millionen Euro wirklich kommt. Vielleicht kann das ja auch den Daimler-Betriebsrat überzeugen. Karin Sturm

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