Sport : Formel 1: Zwei strahlende Augen

Frank Bachner

Wo war eigentlich Juan-Pablo Montoya? Eine Stunde nach dem Großen Formel-1-Preis von Deutschland? Weg, abgetaucht. Jedenfalls war er nicht im BMW-Williams-Motorhome. Wahrscheinlich war das auch ganz gut so. Bestimmt hätte Montoya sonst den Auftritt seines Motorsport-Direktors Mario Theissen als Provokation empfunden. Montoya ist doch so unbeherrscht. Seinem Formel-1-Fahrerkollegen Jacques Villeneuve ist er im Streit ja mal an die Kehle gegangen. Das hätte er sich bei Theissen nicht getraut, aber er hätte zähneknirschend zugehört. "Haben Sie zwei strahlende Augen oder doch nur eines? BMW-Pilot Ralf Schumacher hat zwar gewonnen, aber sein Teamkollege Montoya ist ja ausgeschieden", wollte einer von Theissen wissen. Der überlegte kurz und sagte dann: "Ich habe zwei strahlende Augen."

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Online-Gaming: meinberlin.de sucht den Formel-1-Champion! Dieser Satz war nicht als Affront gegen Montoya gedacht, aber er zeigt schon die Bedeutung von Ralf Schumachers Erfolg, der eben viel wichtiger ist als Montoyas Ausfall. "Ralf ist jetzt in einer Phase, in der er einige Situationen kontrollieren kann", sagt Gerhard Berger, der zweite Motorsport-Direktor von BMW. Früher wäre Ralf Schumacher dem Kolumbianer hinterhergejagt, als der von der Poleposition bei 30 Grad in einem Höllentempo Platz eins behauptete. Am Sonntag aber sagte der Deutsche: "Ich habe den Motor geschont, das erschien mir sicherer." Montoya schied aus - mit überhitztem Motor.

Noch sagt nach Schumachers drittem Sieg im 77. Grand Prix seiner Laufbahn niemand, dass der Deutsche jetzt die Nummer eins ist. Theissen sagt artig: "Die beiden kommen sich nicht ins Gehege." Und Teamchef Frank Williams ergänzt: "Die sollen ruhig gegeneinander kämpfen, Hauptsache, sie machen keinen Blödsinn." Dabei ist Montoya längst der Getriebene. Ralf Schumacher hat jetzt 41 Punkte, kann sogar noch WM-Zweiter werden, Montoya schied in neun von zwölf WM-Rennen aus. Zerfressen vom Ehrgeiz, getrieben vom Wunsch, die Nummer eins im Team zu sein. Er hatte geweint, weil Ralf Schumacher angeblich bevorzugt werde, er nörgelte öffentlich, dass "mein Teamkollege keiner ist, mit dem ich essen gehen möchte", und sein größter Wunsch war es, "hier zu gewinnen". In Deutschland, im Schumi-Land. Es war alles so heftig, dass Papa Montoya zu Hause in Radio Bogota an seinen Sohn appellierte, der möge doch bitte weniger risikoreich fahren. So eine Botschaft kommt natürlich nicht an. Montoya ertrage keine Kritik, klagte Gerhard Berger. Dem Kolumbianer fehle der Drang zur systematischen Arbeit, sagte er vor kurzem. "Man sieht ja bei Ralf Schumacher, was bei so einer Arbeit herauskommt." Drei Siege.

Ralf Schumacher muss nur abwarten. Montoya räumt ihm den Weg zur Nummer eins schon selbst frei. Und damit tritt Ralf Schumacher immer stärker aus dem Schatten seines Bruders. Auch seine öffentlichen Auftritte werden anders. Noch selbstsicherer, sagen die einen. Arroganter, sagen andere. Als im brütend heißen BMW-Motorhome ein Journalist eine Frage stellte und sich dabei unbewusst Luft zufächelte, fragte Ralf Schumacher halb interessiert, halb empört nach, ob die Geste ihm gegolten habe. Hatte sie nicht, antwortete der Reporter. Ist das noch selbstbewusst oder schon arrogant?

"Ein paar Siege", sagt Schumacher, "sind in diesem Jahr für mich schon noch drin." Das klingt ein wenig voreilig. Theissen betreibt auf jeden Fall eine Art Schadensbegrenzung. Fünf Rennen gibt es noch. Das nächste findet in drei Wochen, in Ungarn, statt. "Aber der Kurs in Ungarn", sagt Theissen, "ist nicht auf uns zugeschnitten. Da wird es schwerer als hier." Das wird auch Montoya noch erfahren.

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