Sport : Fortgesetzter Selbstbetrug

Hertha BSC steht auf einem Abstiegsplatz, will den Ernst der Lage aber immer noch nicht erkennen

Stefan Hermanns

München. Am Ende des Nachmittages stand Dieter Hoeneß im Olympiastadion zu München im Presseraum und versuchte zu erklären, was ihm selbst „ein Rätsel“ ist. Hoeneß befand sich genau vor der etwas altmodischen Computerwand, auf der die Ergebnisse des aktuellen Bundesligaspieltages angezeigt werden. Wer auch immer für die Pflege der Resultate zuständig ist – er hatte es gut gemeint mit Hertha BSC. Ausgerechnet das letzte Tor des FC Bayern hatte er unterschlagen, weswegen Herthas Fußballer nur 1:3 und nicht 1:4 verloren hatten und in der Tabelle auf einem Nichtabstiegsplatz rangierten. So ist das zurzeit bei Hertha. Der Schein ist besser als die Wirklichkeit. Und weil die im Moment herbstgrau daherkommt, halten sich die Berliner lieber an den Schein.

Die Wirklichkeit sieht so aus: Acht Bundesligaspiele sind gespielt, und Hertha hat noch keins gewonnen; nimmt man die vorige Saison hinzu, so hat die Mannschaft in den letzten zwölf Begegnungen nur einen Sieg geschafft (2:0 gegen Kaiserslautern). Kein Bundesligist hat weniger Tore erzielt. Hertha wollte in die Champions League und teilt sich nun mit Eintracht Frankfurt den dritten Abstiegsplatz. „Es macht keinen großen Sinn, über Saisonziele zu reden“, sagte Manager Hoeneß. Wie würde sich das auch anhören: Wir wollen den Abstieg verhindern?

So weit sind sie bei Hertha noch nicht. Momentan zappen die Beteiligten zwischen Fatalismus und Zuversicht hin und her. Einerseits sagt Hoeneß: „Es kommt der Moment, wo du ein Spiel gewinnst.“ Andererseits sei es „wichtig, dass wir uns aus dieser Region befreien“. Im Großen und Ganzen aber erwecken die Berliner nicht den Eindruck, dass sie den Ernst der Lage bereits erkannt haben. Michael Hartmann etwa sagte nach dem 1:4 bei den Bayern, man habe in den vergangenen Wochen schon gesehen, „dass es eine Tendenz gibt, die nach oben geht“.

Solche Sprüche kennt man noch gut aus dem vorigen Jahr, als Bayer Leverkusen in einer ähnlichen Situation steckte wie Hertha jetzt. Doch Dieter Hoeneß hat schon vor Wochen verfügt, dass Herthas Lage mit der von Bayer nicht zu vergleichen sei. Eine solche Äußerung ist bereits das erste Indiz dafür, dass die Situation da ist. Auch ein Alkoholiker wird stets bestreiten, Alkoholiker zu sein. Ohne Einsicht in die eigene Schwäche aber wird es keine Heilung geben. Dieser Prozess steht bei Hertha noch aus, selbst nach dem 1:4 bei den Bayern. „Wenn man die Chancen sieht, hätten wir gewinnen können“, sagte Trainer Huub Stevens. Perfiderweise stützte auch Ottmar Hitzfeld diese Sicht, indem er dem Gegner eine gute Organisation bescheinigte, ein freches Spiel und mehr Anteile am Geschehen; aber der Trainer der Bayern kürte den eigenen Vereinsarzt auch gleich darauf zum „besten Arzt der Welt“, was auf einen gewissen Überschwang schließen lässt.

Trotzdem hören die Berliner solche Komplimente immer noch gerne, weil sie ihnen bestätigen, dass es so schlimm noch nicht ist. „Auf diesem Weg müssen wir weiterziehen“, sagte Trainer Stevens. Und der Wahrnehmungstheoretiker Michael Hartmann klagte, „dass uns in einigen Momenten das Quäntchen Glück fehlt“. Komischerweise verlässt das Quäntchen Glück die Berliner immer kurz vor Schluss. In Bochum kassierten sie das 1:1 genau vor dem Pausenpfiff, gegen den HSV in der Nachspielzeit, und bei den Bayern fiel das vorentscheidende 0:2 vor der Pause ebenfalls in der Nachspielzeit. Die statistische Häufung spricht gegen eine Laune des Schicksals. Sie dokumentiert viel eher die Unzulänglichkeiten der Berliner.

Im Moment schaffen es die Stürmer nicht, so viele Tore zu schießen, um die Unglücke in der Abwehr zu kompensieren. Fredi Bobic „fehlt das gewisse Etwas im Kreativbereich“. In solchen Aussagen klingt die Hoffnung mit, dass alles besser wird, wenn Marcelinho wieder mitspielt. „Wir können jetzt nicht rumjammern“, sagte Andreas Neuendorf. Weil die Mannschaft „gegen vermutlich schwächeren Gegner viele Punkte gelassen“ hat, müssten jetzt die harten dran glauben. In der nächsten Woche werde Hertha in die zweite Runde des Uefa-Cups einziehen und danach gegen Leverkusen gewinnen. Neuendorf sagt so etwas gerne. Vor zwei Wochen hat er angekündigt: „Wir hauen die Bayern weg.“

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