Fortuna Köln : Internet-Community will Fußballklub übernehmen

Fortuna Köln entscheidet, ob die Geschicke des Fünftligisten künftig von einer Internet-Community gelenkt werden.

Stefan Hermanns
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Wir alle sind Fortuna!Foto: promo

So ein Spiel wie das am Wochenende ist ganz nach dem Geschmack von Klaus Ulonska. Noch zwei Tage danach weiß er kaum, wohin mit seinen Emotionen. „Es war der absolute Wahnsinn“, sagt Ulonska. „Unfassbar!“ 3:1 hat die Fortuna den Tabellenzweiten Westfalia Herne geputzt, „es hätte auch 6:1 ausgehen können“. Die Stimmung war großartig – und sie ist es noch. Ulonska schaltet mehrmals am Tag den Fernseher ein, drittes Programm, WDR-Videotext, Tafel 236: NRW-Liga, Ergebnisse und Tabelle. Der SC Fortuna Köln ist Siebter, liegt aber nur vier Punkte hinter einem Aufstiegsplatz. Herr Präsident, träumen Sie? „Ja!“, sagt Ulonska. „Ich träume – das ist wirklich wahr – von der Regionalliga.“

Die Realität sieht so aus: Nebenan im Tierheim bellen Hunde in ihren Käfigen, drei Mitarbeiter des Grünflächenamts schleichen über den Rasen im Südstadion, treten die Löcher zu und beseitigen die letzten Spuren des Spitzenspiels. Klaus Ulonska, der Präsident der Fortuna, hat ein paar Termine in der Geschäftsstelle. Zum Telefonieren muss er die Türen öffnen, sonst hat er in seinem Container-Büro keinen Empfang. Fünfte Liga eben.

An diesem Samstag entscheidet sich, ob Ulonskas virtuelle Träume einmal real werden können. Der Traditionsklub aus dem Kölner Süden hat zu seiner Mitgliederversammlung geladen. Vordergründig geht es um eine Satzungsänderung; in Wirklichkeit aber entscheiden die Mitglieder über ein bisher einmaliges Projekt im deutschen Fußball. Der Verein will seine erste Mannschaft in eine Spielbetriebsgesellschaft ausgliedern und 49 Prozent der Anteile an einen Investor veräußern. Nicht an einen reichen Russen oder einen Scheich aus dem Morgenland. Der potenzielle Investor ist die Internet-Community deinfussballclub.de (DFC). „Wer ein bisschen normal denkt, kann das gar nicht ablehnen“, sagt Ulonska.

Das Prinzip ist einfach: Wer sich beim DFC registriert und einen Jahresbeitrag von 39,95 Euro bezahlt, darf über alle Belange der ersten Mannschaft mitentscheiden. Seit April haben sich knapp 12 000 User angemeldet. Das heißt: Stimmen die Mitglieder der Fortuna der Satzungsänderung zu, bekommt der Verein Mitte Januar mit einem Schlag 12 000 mal 30 Euro, also rund 360 000 Euro. Den Rest behält der Betreiber der Plattform ein. Im Gegenzug gewährt der Verein seinen Anteilseignern einen Einfluss, den normale Fans nicht haben. Selbst über die Aufstellung dürfen sie abstimmen – in diesem einen Fall allerdings ist ihr Votum nicht bindend.

„Der sportliche Erfolg steht vor dem Erfolg des Internetportals“, sagt Matthias Mink, der Trainer der Fortunen. Er ahnt, dass sich seine Arbeit verändern wird: mehr Öffentlichkeit, mehr Transparenz, mehr Kommunikation. Bei welchem Fünftligisten kommen schon Fernsehteams zum Training? „Ich muss mich mit dem Gedanken vertraut machen, dass meine Arbeit einem größeren Druck ausgesetzt ist und ich meine Entscheidungen rechtfertigen muss.“ Nach anfänglichen Zweifeln ist Mink inzwischen von der Idee überzeugt. „Im Hinblick auf die Weiterentwicklung des Vereins ist das sehr gut, sehr innovativ und spannend“, sagt er.

Weltweit gibt es etwa zehn solcher Projekte, das bekannteste ist das englische Myfootballclub. Der Fünftligist Ebbsfleet United hat dank weltweitem Web 31 000 Mitglieder gewonnen, die nun am Heimcomputer über die Geschicke des Vereins entscheiden. Zuletzt haben sie für 150 000 Pfund einen Stürmer nach Bristol verkauft. All diese Projekte eint die Idee, der Kommerzialisierung und der daraus resultierenden Entfremdung des Fußballs von seiner Basis etwas entgegenzusetzen. „Der Fußball kommt zurück zu den Fans“, sagt der Filmemacher Sönke Wortmann, der den DFC als Schirmherr unterstützt.

Es ist das verlockende Versprechen von einem wirklich basisdemokratischen Projekt. Früher wurde die Fortuna von Jean „Schäng“ Löring und seinem Geld regiert. Löring war ein Patriarch der alten Schule, der in der Pause eines Spiels kurzerhand seinen Trainer entließ und auch mal eben die Vereinsfarben änderte, wenn es ihm in den Kram passte. Jetzt können die Fans für 39,95 Euro selbst ein bisschen Schäng sein.

Irgendwann einmal will der DFC mit seiner Plattform Geld verdienen, aber das geht wohl erst, wenn die Fortuna in der Dritten Liga spielt. Und so laufen die kommerziellen Interessen schön parallel zu denen des Klubs: Beide wollen nach oben. Der DFC hat buchstäblich an den Verein angedockt. Am Südstadion residiert die Fortuna in einem weißen Container, mit Schreibtischen, zwei Computern, einem Kaffee automaten und ein paar alten Pokalen an der Wand. Hinter dem Platz des Präsidenten stehen zwei Porträts, eins von Ade nauer, das andere von Kennedy. Über Fortunas Geschäftsstelle, in einem blauen Container, hat der DFC sein Büro. „Auf die Fortuna sind wir erst gar nicht gekommen“, sagt Burkhard Ma thiak, der Sprecher des DFC. „Wir haben gedacht: Die sind insolvent – oder kurz davor.“

Stimmt nicht. Der Klub war zwar nach 26 Jahren in der Zweiten Liga in die Fünftklassigkeit abgestürzt, finanziell aber hat er sich wieder berappelt. „Der Verein ist schuldenfrei mit den normalen Sorgen“, sagt Präsident Ulonska, der in Köln Gott und die Welt kennt. Er saß für die CDU im Stadtrat, war Vorsitzender des Sportausschusses, Jungfrau im kölschen Dreigestirn und ist das, was man eine rheinische Frohnatur nennt. Aber wenn man einen Fünftligisten repräsentiert, sind irgendwann auch die besten Kontakte ausgereizt. „Ohne den DFC müssten wir unser Leben im unteren Drittel der NRW-Liga fristen“, sagt Ulonska. Mit dem DFC aber scheinen die Möglichkeiten grenzenlos. Zumindest in der Theorie.

In der Praxis ist die Sache schwieriger. Eigentlich sollte das Projekt erst starten, wenn sich 30 000 User registriert haben. Aber die Akquise gestaltete sich zäher als gedacht. Vom Start der Mitbestimmung erhoffen sich die Macher einen neuen Schub. Mathiak sagt: „Die 30 000 halten wir immer noch für realistisch.“ Und vielleicht sind es irgendwann 100 000, die Fortuna spielt in der Bundesliga und empfängt den FC Bayern. „Wie sich das entwickeln wird – das kann man jetzt noch gar nicht sagen.“

Die Hoffnung ist, dass sich die Sache irgendwie aus sich selbst heraus potenziert: dass der Klub nicht nur das Geld der Anteilseigner einsackt, sondern auch von ihrem Wissen und ihren Kontakten profitiert. In dieser Woche hat sich ein User aus München gemeldet, der sich sein Unternehmen als Trikotsponsor der Fortuna vorstellen kann. Er will demnächst nach Köln kommen. Schon jetzt hat die Fortuna öffentliches Aufsehen erregt, das ihren Status als Fünftligist deutlich übersteigt.

Ulonska sagt, vom ersten Tag an sei er von dem Projekt begeistert gewesen. Auch wenn er natürlich nicht ahnen konnte, wie sich das alles entwickeln würde, als beim Frühstück sein Telefon klingelte und er gebeten wurde, doch bitte mal den Herrn Wortmann zurückzurufen. „Ich hab gedacht, da verarscht dich einer.“ Als ihm dann zum ersten Mal erklärt wurde, wie das mit den Usern und der Community funktioniere, hat er sich vornehm zurückgehalten. Klaus Ulonska hatte vom Internet keine Ahnung. „Halt mal schön den Mund und tu so, als ob du das kannst“, hat er zu sich gesagt und einfach zugehört. Klaus Ulonska aber, der nächste Woche 66 wird, hat sich eines vorgenommen: „Ich werde Internet jetzt wirklich lernen.“

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