Four Nations Cups der Hockey-Frauen : Lernen, lernen, lernen

Die deutschen Hockey-Frauen steigern sich von Spiel zu Spiel und gewinnen das Turnier in Berlin.

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Keine haarige Angelegenheit. Elisa Gräve (rechts) beherrschte mit dem deutschen Team die Chinesinnen um Xiao Sun klar.
Keine haarige Angelegenheit. Elisa Gräve (rechts) beherrschte mit dem deutschen Team die Chinesinnen um Xiao Sun klar.Foto: imago/Nordphoto

Jamilon Mülders hatte am Samstag beiläufig die Zahl 1000 ins Spiel gebracht. 1000 Zuschauer am letzten Tag des Four Nations Cups beim Berliner HC – das wäre doch was. Ganz so viele waren es am Sonntag beim finalen Spiel der deutschen Hockey-Nationalmannschaft nach Mülders’ Schätzung wohl nicht. Aber auch nicht viel weniger. Und selbst wenn dieser Wunsch nicht in Erfüllung ging: Jamilon Mülders, der Bundestrainer der deutschen Frauen, war restlos zufrieden. Das lag weniger daran, dass sein Team sich durch einen 3:0 (1:0)-Sieg gegen China den silbernen Pokal für den Turniersieger sicherte; es lag vor allem an den erkennbaren Lernfortschritten der Mannschaft.

So hat die Veranstaltung ihren Zweck mehr als erfüllt. Für die deutschen Frauen stehen in diesem Sommer zwei wichtige Turniere an: zum einen das Halbfinale der World League in Johannesburg, bei dem es um die Qualifikation zur Weltmeisterschaft im kommenden Jahr geht, zum anderen die Europameisterschaft in Amsterdam. Die Mannschaft, in großen Teilen jung und unerfahren, muss sich noch finden – und das in Rekordtempo. Die Tage in Berlin haben gezeigt, dass sie dazu in der Lage ist. „Wir haben wieder eine intelligente Mannschaft“, sagt der Bundestrainer.

Als sich die Nationalmannschaft am Sonntag einspielte, fragte ein Zuschauer auf der Tribüne: „Das ist ’ne Jugendmannschaft, oder?“ Könnte man beim flüchtigen Blick tatsächlich vermuten. Die Hälfte des Kaders, mit dem Mülders auch im kommenden Monat in Johannesburg antreten wird, ist 21 oder jünger. Vor dem Turnier in Berlin hatten neun Spielerinnen weniger als zehn Länderspiele in ihrem Lebenslauf stehen.

Sorgen macht sich der Bundestrainer deshalb nicht. Das Gerüst steht, die jungen Spielerinnen sind gut genug, um auf internationalem Niveau zu bestehen. Beim Sieg gegen Südkorea erzielte die erst 17 Jahre alte Camille Nobis den entscheidenden Treffer, und am Sonntag wurde Nike Lorenz, 20, nach der Partie gegen China als unterhaltsamste Spielerin geehrt – sie ist Verteidigerin. „Man sieht, dass die Mädels innerhalb eines Spiels lernen“, sagt Mülders.

Schon in zwei Wochen fliegt das Team nach Südafrika

Die Verbesserungen in Berlin waren offenkundig. Am Mittwoch noch hatten sich die Deutschen und China in einem inoffiziellen Testspiel duelliert. Dem Spiel der Nationalmannschaft fehlten Struktur und Abstimmung, am Ende verlor sie 0:2. Am Donnerstag, zum Auftakt des Viernationenturniers, unterlagen die Deutschen Irland durch ein spätes Tor 1:2. Am Freitag gelang ihnen ein hart erkämpfter 3:2-Erfolg gegen Südkorea, nachdem sie eine zwischenzeitliche 2:0-Führung verspielt hatten. Und am Sonntag schließlich kam das Team zu einem ungefährdeten 3:0-Sieg gegen die Chinesen. „Es kommt seltenst vor, dass wir in einem Turnier zwei Mal gegen ein und dieselbe Mannschaft verlieren“, sagt der Bundestrainer.

Das Spiel am Sonntag war das mit Abstand beste in der gesamten Woche: klar strukturiert nach vorne, entschlossen in der Verteidigung des eigenen Tores. Von den Rängen gab es immer wieder Szenenapplaus – sowohl für Offensiv- wie Defensivaktionen. Marie Mävers (25. Minute), Nike Lorenz (42.) und Franzisca Hauke (53.) erzielten die Tore. Als noch 50 Sekunden zu spielen waren und die Deutschen das Spiel von hinten behutsam aufbauen wollten, rief Mülders: „Auf das nächste Tor! Hopp! Einen nachlegen! Hopp!“ Das gelang nicht, stattdessen wehrte seine Mannschaft in letzter Sekunde eine Strafecke ab und blieb im dritten Spiel zum ersten Mal ohne Gegentor.

Die Deutschen hatten sich für das Turnier in Berlin bewusst Mannschaften eingeladen, gegen die es wenig Spaß macht zu spielen und gegen die sie in der Vergangenheit immer wieder Probleme hatten. Südkorea zum Beispiel ist eine extreme Kontermannschaft, die selbst wenig zum Spiel beiträgt. Mülders drückte das so aus: „Korea schmarotzt gnadenlos.“ Für seine Spielerinnen sei das fast ein bisschen Psychoterror gewesen: zu wissen, dass jeder Ballverlust einen gefährlichen Gegenangriff zur Folge haben kann. Doch die Deutschen machten das schon deutlich besser, als tags zuvor gegen Irland – wenn auch noch nicht ganz so gut wie dann gegen die Chinesen.

So haben die Nationalspielerinnen in vielen verschiedenen Disziplinen Lernfortschritte erzielt. Gegen Südkorea haben sie zum Beispiel gelernt, Rückschläge zu verarbeiten und das Spiel nach einem verspielten Zwei-Tore-Vorsprung doch noch für sich zu entscheiden. „Wir brauchen die Mentalität, Spiele zu drehen“, sagt Mülders. „Das sind Dinge, auf die wir immer wieder zurückgreifen können. Mut basiert auf diesem Wissen.“

Das Turnier in Berlin war für viele seiner jungen Spielerinnen eine gute Gelegenheit, sich dieses Wissen anzueignen. Schon in zwei Wochen fliegt das Team nach Südafrika. Der Bundestrainer sieht der World League mit großer Zuversicht entgegen: „Wir sind wieder gut, wenn's drauf ankommt.“ Platz fünf würde reichen für die WM-Qualifikation. Fünfter werde man ganz sicher werden, sagt Jamilon Mülders. „Aber das ist nicht unser Anspruch.“

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