Sport : Frag nach bei Torsten Frings

Vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen San Marino werden Erinnerungen an die Färöer wach

Michael Rosentritt[San Marino]

Die Einwohner der Republik San Marino sind bekannt für ihre Gastfreundschaft. Als die deutsche Fußball-Nationalmannschaft auf den Flugplatz „Federico Fellini“ im benachbarten Rimini landete, blies eine sanmarinesische Blaskapelle aus voller Brust. Allerdings scherten sich die Nationalspieler wenig darum. Sie spazierten achtlos vorbei am Begrüßungskomitee und stiegen in den eigens aus Frankfurt am Main angekarrten DFB-Mannschaftsbus mit den tiefdunkel getönten Scheiben. Einzig die Damen und Herren, die sich „Freunde der Nationalmannschaft“ nennen, kurz FDN, genossen das stimmungsvolle Ständchen. Sie dürfen solcherlei Ausflüge unter touristischen Gesichtspunkten betrachten. Die Nationalspieler, die heute Abend (20.45 Uhr, live im ZDF) in Serravalle auf die Mannschaft San Marinos treffen, werden beweisen müssen, wie weit es mit ihrer Konzentration aufs Wesentliche bestellt ist.

Der Pressesprecher des DFB sah sich am Tag nach der Landung jedenfalls genötigt, davon zu berichten, wie sehr doch dieser kleine Empfang den Spielern Freude bereitet habe, wirklich außergewöhnlich viel Freude, wie er sagte. Und Joachim Löw, der Bundestrainer, findet es immerhin „absolut gerecht“, dass San Marino an der EM-Qualifikation teilnehmen darf. „Wir nehmen es so an, wie es kommt.“ Wie es halt so ist bei Besuchen großer Fußball-Nationen in Stadt- und Kleinstaaten. Nicht selten allerdings kam es für das Flagschiff des weltgrößten Sportverbandes richtig dick gegen so genannte Fußballzwerge. Als da wäre der 11. Juni 2003. Die Mannschaft, die ein Jahr zuvor noch im WM-Finale stand, blamierte sich in Thorshavn gegen die Gelegenheitsfußballer der Färöer. Bis in die 88. Spielminute hielt die Mannschaft der Eisverkäufer, Lastwagenfahrer und Schafshirten ein 0:0. Zwei Minuten fehlten an der Sensation, ehe Miroslav Klose und Fredi Bobic trafen. Fast wären die Herren Vizeweltmeister an ihrer Überheblichkeit gescheitert. „Ich weiß nur, dass der Trainer Däne ist und der Torwart eine Mütze aufhat“, hatte Torsten Frings am Tag vor diesem Qualifikationsspiel auf die Frage geantwortet, was er denn über das Team der Färöer wisse.

Der letzte Deutsche, der eine Mütze trug, war Helmut Schön. Als der noch Trainer war, war die Fußballwelt noch schön aufgeteilt in Große und Kleine. Doch in Schöns Amtszeit fiel die wohl größte Schmach für den deutschen Fußball. Am 17. Dezember 1967 spielten die Deutschen nur 0:0 gegen Albanien und verpassten die Qualifikation zur EM 1968. Für Günter Netzer, der damals in Tirana auf dem Platz stand, war das „eine einzigartige Katastrophe“, wie er sagte. „Wir waren damals eine große Nation im Fußball und Albanien war ein Zwerg, ein wirklicher Zwerg. Wir wussten, dass uns dieser Tag ein Leben lang verfolgen würde. Und das völlig zu Recht!“

Der Weltfußballverband Fifa führt in seiner Weltrangliste 205 Nationen. San Marino rangiert auf Platz 191, direkt hinter Puerto Rico, aber noch vor den Philippinen, Bahamas, Anquilla, den Cook-Inseln und Luxemburg. Das ist wichtig, denn somit ist nicht San Marino, sondern Luxemburg Europas schwächstes Mitglied. Dass das aber nichts heißen will, bewiesen wiederum die Deutschen. Nur wenige Monate nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 1990 reichte es mit Ach und Krach zu einem 3:2 Sieg.

Torsten Frings hat auch diesmal wieder gesprochen. Was er denn über die Mannschaft San Marinos wisse, wurde er gefragt. „Nichts“, antwortete Frings, das interessiere ihn nämlich nicht. „Wir müssen auf uns schauen und unser Spiel durchbringen“, sagte der Bremer. Man dürfe diesen Gegner nicht unterschätzen, „aber wir wissen auch, dass wir dieses Spiel nicht verlieren können.“ Vorsichtshalber schob er „wenn wir unsere Leistung bringen“ hinterher.

Alessandro Della Valle sieht das ähnlich. Er ist ein viel beschäftigter Mann, wenn er Fußball spielt. Der Verkäufer in einer Keramikfabrik ist nämlich Libero der sanmarinesischen Auswahl. „Natürlich wissen wir, dass wir gegen Deutschland verlieren“, sagte er und stellte einen hübschen Vergleich an. „Wir ähneln einem Stier in der Arena. Wir müssen dem Torero das Leben so schwer wie möglich machen – und ihm vielleicht einen kleinen Stoß versetzen.“

Am Montagabend, nach Feierabend, hatte Giampaolo Mazza seine Spieler noch einmal zum Training gebeten. Nationaltrainer Mazza berichtete, dass er für das Torwarttraining, das auf dem Programm stand, mit Tennisbällen üben ließ. Sein Torwart sollte sich schon einmal darauf einstellen, dass ihm im Spiel gegen die Deutschen viele Bälle um die Ohren fliegen. Die Sanmarinesen haben eine liebenswerte Beziehung zu ihrer Fußballmannschaft aufgebaut. Es sind halt alles „Dilettanti“, das italienische Wort für Amateure. Bastian Schweinsteiger gefiel das Wort. „Wissen Sie“, sagte er, „so etwas gibt es bei uns im DFB-Pokal, da spielt man auch gegen Amateure und es gab schon manche Überraschung.“ Die sanmarinesischen Zuhörer, die eine Übersetzung bekamen, kicherten. Dann stand Schweinsteiger auf und sagte augenzwinkernd: „Aber es wird keine Gnade geben.“

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