Sport : Fragen ans Hinterhirn

Sven Hannawald gibt mit seinem Abschneiden bei der Vierschanzentournee Rätsel auf – Chronik eines nicht angekündigten Misserfolgs

Benedikt Voigt

Oberstdorf, 27.Dezember. Sven Hannawald vertraut im Oberstdorfer Kurhaus seinem Kopf. „Ich hoffe, dass ich die Sprünge so abrufen kann, wie ich sie im Hinterhirn gespeichert habe“, sagt der 29-Jährige, der vor der 52. Vierschanzentournee zu den Favoriten zählt. Bei der anschließenden Pressekonferenz der deutschen Mannschaft im Kino des Kurortes fehlt der sensible Skispringer. Dort formuliert Bundestrainer Wolfgang Steiert die Ziele für die kommenden Tage: „Wir sind erfolgreich, wenn wir vier, fünf Mann unter den besten 15 und einen auf dem Podest haben.“ Dann wird der neue Cheftrainer kühn: „Es sind Dinge möglich, von denen wir heute noch gar nicht träumen können.“

Oberstdorf, 29. Dezember: Davon träumte tatsächlich niemand: „Martin Schmitt wachsen wieder Flügel“ titelt die „tz“. Womöglich meint es die Zeitung gar nicht wörtlich, sondern drückt nur ihre Freude darüber aus, dass Schmitt am Vortag mit 130,5 Metern der zweitbeste Sprung in der Qualifikation gelang. Und noch etwas Positives passiert dem 25-Jährigen. Sein Sponsor befreit ihn endlich von dem Fragezeichen, das als Werbegag auf seinem lila Helm prangte, jedoch ständig auf seine rätselhafte Formkrise hinwies. Stattdessen darf er nun für ein neues Produkt werben. Dies sollten Martin Schmitts einzige Erfolgserlebnisse bei der Tournee bleiben. In Oberstdorf landet er nur auf Rang 27. Michael Uhrmann auf Rang vier und Georg Späth auf Rang sieben machen es besser. Sven Hannawald vergräbt sich mit Rang 18 im Feld der Zu-Kurz-Gesprungenen. Was machen die Signale aus dem Hinterhirn?

Garmisch-Partenkirchen, 1.Januar. Um wenigstens das Kurzzeitgedächtnis zu aktivieren, darf Hannawald Video gucken. „Wir haben die guten Sprünge aus dem letzten Jahr rausgezogen“, erzählt Steiert. Doch selbst diese Vorbereitung hilft beim Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen nicht mehr. Hannawald hüpft im ersten Durchgang nur auf Rang zwölf und jammert: „Es macht mir keinen Spaß mehr.“ 1,5 Millionen Deutsche haben genug gesehen und schalten vor dem zweiten Durchgang den Fernseher ab. Sie verpassen Georg Späths dritten Platz und Steierts euphorische Kommentare: „Späth hätte sogar siegen können.“ Selbst über Hannawalds neunten Rang freut er sich: „Ich bin mit ihm sehr zufrieden.“

Garmisch-Partenkirchen, 2. Januar. Am nächsten Tag redet Steiert von einem Sieg Hannawalds. Während die Athleten bei der Pressekonferenz erzählen, blättert der Cheftrainer unter dem Tisch in der „Super-Illu“. Dann sagt er: „Ich traue drei Springern, die hier sitzen, einen Sieg in Innsbruck zu.“ Neben Hannawald befinden sich noch Späth, Uhrmann und Schmitt im Raum. Letzterer präzisiert die Aussage seines Chefs. Schmitt sagt: „Ich bin’s nicht.“

Innsbruck, 3. Januar. Der potentielle Siegspringer flüchtet. Wie schon in Garmisch-Partenkirchen verzichtet Sven Hannawald auf seinen Qualifikationssprung, steigt in ein Auto und lässt sich zurück in sein Hotel fahren. Die Zuschauer pfeifen als die Nachricht bekannt wird. „In meinem Alter muss man Kräfte sparen“, sagt der 29-Jährige. Die „Bild am Sonntag“ verlangt am nächsten Tag eine bessere Einstellung zum Beruf: „Hanni darf nicht davonlaufen, sondern er muss den Kampf annehmen.“

Innsbruck, 4. Januar. Wie er vorhergesagt hatte, ist es nicht Schmitt, der auf der Bergisel-Schanze gewinnt. Doch auch das deutsche Geschwader aus Siegspringern landet geschlossen nur auf den Plätzen neun, zehn und elf. Steiert schimpft. Auf die Jury, den Anlauf und den Wind, der ausblieb.

Bischofshofen, 5. Januar. Um acht Uhr morgens schimpft Steiert wieder. Nun auf die deutsche Presse, die eine zu große Erwartungshaltung hätte. „Bei uns wird nur über Siege gesprochen“, sagt der 40-Jährige. Er sehe lieber die geschlossene Mannschaftsleistung gewürdigt. Immerhin kann er zu früher Stunde das Gerücht aus der Welt schaffen, dass Hannawalds Freundin Suska schwanger sei. Ein kryptisches Zitat von ihm hatte zu dieser Spekulation Anlass gegeben. Mit sportlichen Themen muss man sich an diesem Tag nicht beschäftigen. Die Qualifikation fällt aus, es schneit zu stark.

Bischofshofen, 6. Januar. Es wird gesprungen, die Sonne scheint, nur nicht über der deutschen Mannschaft. Am Abend findet Steiert erstmals seit Tourneebeginn selbstkritische Worte: „Es ist uns nicht gelungen, mit Schmitt und Hannawald die Erfolge zu wiederholen.“ Weil aber das Gesamtklassement Späth (6.), Uhrmann (7.), Mechler (11.) und Hannawald (12.) unter den ersten zwölf führt, wertet der Trainer die Tournee als erfolgreich. Allerdings liegt sein Team in der Mannschaftswertung hinter Norwegen und Österreich nur auf Rang drei. Doch Steiert hat noch größere Sorgen. Hannawald verlässt nach seinem 22.Platz völlig deprimiert die Paul-Ausserleitner-Schanze. „Wenn ich einem Zuschauer meine Nummer gebe, springt der weiter als ich“, sagt er der „Bild“-Zeitung. Die Trainer nehmen ihn aus dem Weltcup. „Ich kann noch nicht sagen, was wir machen werden“, sagt Steiert, „teilweise ist er schwer zu erreichen.“ Das dürfte das Thema sein, das die Trainer in den nächsten Wochen beschäftigen wird: Was ist bloß los im Hinterhirn von Sven Hannawald?

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