Sport : Fragen und Zeichen

Brawn rast, McLaren schwächelt, neue Regeln: Die Formel 1 scheint für einige Überraschungen gut

Karin Sturm

Berlin - Wenn man in diesen Tagen auf die Zeitenliste bei den Formel-1-Testfahrten schaute, war es praktisch unmöglich, eine Bezeichnung nicht an Position eins zu finden: Brawn. Das ist inzwischen nicht nur der Name des ehemaligen Ferrari-Strategiegurus Ross Brawn, sondern auch der offizielle Titel des von ihm gerettetet ehemaligen Honda-Rennstalls. Monatelang hatte das Team nach dem Ausstieg des japanischen Autobauers um seine Existenz gebangt, und nun das: Nach der Übernahme durch den Teamchef Brawn fuhr das neue Auto die Konkurrenz bei den Tests in Barcelona in Grund und Boden.

Der neue Wagen hat mit einem Mercedes- statt einem Honda-Motor im Heck noch einmal zusätzliches Potenzial gewonnen, „liegt sehr gut und fährt sich auch sehr leicht“, wie die Piloten Jenson Button und Rubens Barrichello einhellig feststellten. Brawn verweist auf einen kreativen Umgang mit den Reglementsvorgaben beim Bau des Unterbodens – ob das allerdings die Rundenzeiten, die bisweilen mehr als eine Sekunde unter allen anderen lagen, hinreichend erklärt, bleibt fraglich. Längst glauben einige Experten, dass Brawn seine Autos mit ein bisschen weniger Benzin und damit Gewicht kreisen lässt, um Aufsehen zu erregen und Sponsoren anzulocken – eine in der Formel 1 durchaus nicht unübliche Praxis.

Schließlich könnte es gut sein, dass Brawn ein Problem bekommt, die längerfristige Finanzierung des Teams zu sichern. In diesem Jahr wird es vor allem noch von Honda und Bernie Ecclestone mit Vorschüssen auf das Fernsehgeld getragen. Mit seinem Alleingang, den Formel-1-Einstieg von Bruno Senna, dem Neffen der tödlich verunglückten Legende Ayrton Senna, in letzter Minute zugunsten seines alten Kumpels Barrichello platzen zu lassen, verzichtete er nicht nur auf gut zehn Millionen Dollar Sponsorengeld. Er verärgerte vor allem gerade die, die halfen, das Team nach Hondas Rückzug wieder auf die Beine zu stellen: an der Spitze Ecclestone, der natürlich vor allem aus Marketinggründen den Namen Senna nur allzu gern wieder in der Formel 1 gesehen hätte, aber auch bei Honda und beim Motorenpartner McLaren-Mercedes war man intern nicht gerade begeistert.

Wobei das Weltmeisterteam des vergangenen Jahres im Moment eine Menge eigene Probleme hat. Mit dem neuen Aerodynamikreglement, das die optisch so stark veränderten Autos mit den breiten und klobig wirkenden Frontflügeln und den viel kleiner dimensionierten Heckflügeln schuf und durch weniger Abtrieb bessere Überholmöglichkeiten schaffen soll, kommt man noch nicht zurecht. „Wir sind im Moment zu langsam“, geben sowohl Mercedes-Sportchef Norbert Haug als auch der neue McLaren-Chef Martin Whitmarsh zu. Man habe die Ursachen der Probleme aber erkannt und sei dabei, sie zu lösen. Ob die Silbernen schon beimSaisonauftakt in Melbourne in knapp zwei Wochen wieder siegfähig sein werden, ist eher ein großes Fragezeichen, allerdings schreiben die Gegner Weltmeister Lewis Hamilton für 2009 noch keinesfalls ab, vor allem, weil das Feld generell sehr eng beieinander zu liegen scheint.

Die zweite große Unbekannte 2009 neben der Aerodynamik werden wohl weniger die profillosen Slick-Reifen, die nach über zehn Jahren die Rillenreifen ablösen, sondern Kers. Das Energierückgewinnungssystem, das die Abwärme aus Bremsvorgängen nutzt, ist Zukunftstechnologie einerseits, Millionengrab andererseits. Zusätzliche 80 PS soll es für ein paar Sekunden bringen, andererseits aber auch an die 40 Kilo Zusatzgewicht durch die Batterien, die nebenbei nicht sehr umweltfreundlichen, da schwer zu entsorgen sind und nur zwei Rennwochenenden halten. Bis jetzt scheinen sich Vor- und Nachteile die Waage zu halten.

Bei einigen Teams funktioniert das Kers einfach noch nicht so gut, um es zum Renneinsatz zu bringen, andere, wie Toyota und auch Brawn, verzichten gleich ganz darauf und versuchen stattdessen, ohne die schwere Einheit eine insgesamt bessere Balance des Autos zu erreichen. In Melbourne werden wohl nur McLaren-Mercedes, Ferrari, Renault und eben BMW mit Kers an den Start gehen. Bei den Münchnern ist das aber noch gar nicht sicher: Die beiden Piloten sind in dieser Hinsicht völlig unterschiedlicher Meinung. Nick Heidfeld ist ein Kers-Verfechter, der vor allem auf Vorteile bei Überholmanöver baut. Robert Kubica dagegen steht dem sehr skeptisch gegenüber, nicht nur, weil die Mechaniker an den Boxen wegen der immer wieder befürchteten Probleme mit den hohen Stromspannungen mit dicken Gummihandschuhen arbeiten müssen. Wer Recht behält, ist zwei Wochen vor dem Saisonauftakt nur eine von vielen spannenden Fragen.Seite 20

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