• Franka Dietzsch hat bei der WM die Chance, ihre ungerechtfertigte Mitläufer-Rolle abzuschütteln

Sport : Franka Dietzsch hat bei der WM die Chance, ihre ungerechtfertigte Mitläufer-Rolle abzuschütteln

Frank Bachner

Heute stößt Astrid Kumbernuss die Kugel. Vielleicht gewinnt sie sogar Gold, die Weltmeisterin, trotz Babypause, trotz Trainingsrückstands. Und dann? Was ist dann? "Dann", sagt Franka Dietzsch, "schaue ich wieder in die Röhre." Eigentlich hat sie schon immer das Gefühl, in die Röhre zu schauen. Immer war sie die Nummer zwei. Entweder, weil die Top-Leistung fehlte, oder, weil man ihr diese Rolle aufgedrückt hat. Sie wurde 1998 Europameisterin im Diskuswerfen, und anschließend durfte sie bei einer Gartenschau in Magdeburg reden. Nicht über Sport. Sie musste von Mecklenburg-Vorpommern schwärmen. Franka Dietzsch wohnt in Neubrandenburg. Aber dort wohnt auch Astrid Kumbernuss, die Olympiasiegerin und Weltmeisterin. Kumbernuss ist in Neubrandenburg seit Jahren eine Größe, Dietzsch ist seit kurzem einigermaßen bekannt. "Jetzt erkennen mich auch schon die Leute in der Stadt." Sie lebt seit 1990 dort.

Aber immer im Schatten anderer. Kumbernuss ist in der Stadt bekannter und Wyludda im Diskuswerfen. Die Olympiasiegerin Wyludda ist eigentlich unschlagbar, wenn sie nicht verletzt ist. Aber sie hat Probleme mit dem Knie und der Achillesferse, sie fehlt in Sevilla, und auch deshalb ist Franka Dietzsch Weltmeisterin geworden. Was hat sich geändert durch Wyluddas Abwesenheit? "Soll ich es kurz und knapp formulieren?", fragt Dietzsch, und plötzlich werden ihre Augen so schmal wie sonst nie mehr an diesem Abend. "Ich bin jetzt die Nummer eins." Wyludda ist eine Art Trauma für sie. Wyludda ist ein Jahr jünger und seit Junioren-Zeiten besser als Dietzsch.

Die erinnert plötzlich an ein kleines Kind, das am liebsten mit dem Fuß aufstampfte. Aber kein Bild wäre ungerechter. Franka Dietzsch ist eine angenehme Frau, die lieber zu wenig als zu viel sagt. Sie verlangt nur eins: Respekt. "Ich arbeite genauso hart wie die anderen, aber die werden mehr beachtet." Es ist die Trotzreaktion einer Frau, die zu oft als Mitläuferin behandelt worden ist. Es gab Zeiten, da hatte sie sich mit dieser Rolle abgefunden. Es ist nicht ihre Art, mit dem Finger auf sich zu zeigen. Jetzt nicht mehr. Sie wurde Europameisterin, sie gewann im vergangenen Jahr den Weltcup und kassierte 200 000 Mark Sieg-Prämien. Sie gewann in Sevilla das Diskuswerfen mit 68,14 m und deklassierte die Konkurrenz. Sie will, dass die Öffentlichkeit sie als eigenständige Person wahrnimmt.

Im vergangenen Jahr hatte sie ihren Coach für sich. Dieter Kollark trainiert auch Astrid Kumbernuss, aber die bekam ein Baby von ihrem Lebensgefährten Kollark und setzte aus. Der Coach konnte sich intensiver um Dietzsch kümmern. Sie braucht solche Zuwendung. "Seit DDR-Zeiten bin ich gewohnt, dass ich Trainer um mich habe."

Sie ist halt nicht die große Einzelkämpferin. "Die wüsste nicht mal, was sie machen sollte, wenn ich mal nicht da bin. Ich darf gar nicht im Stau stecken, da fiele alles zusammen", sagt Kollark. Das ist wenig galant, aber möglicherweise stimmt es einfach. "Ich habe", sagt Franka Dietzsch, "gar nicht gewusst, dass ich für den Titel 60 000 Dollar erhalte". Wie bitte? Ein Witz, oder? Kein Witz. "Ich habe es", sagt sie nachdrücklich, "wirklich nicht gewusst." Okay, was wäre ihr lieber? Das Geld oder WM-Gold? "WM-Gold", sagt Dietzsch und es klingt nicht so, als würde sie lügen, "Geld an sich hat für mich keine überragende Bedeutung."

Nur im Vergleich mit den Gegnerinnen wird es zum Diskussionspunkt. Dietzsch bekommt Geld von einer Sparkasse, von einem Gasunternehmen, und eine kleine Firma zahlt die Leasingraten ihres Autos. Alles Unternehmen aus Neubrandenburg. Astrid Kumbernuss hat erheblich mehr. Nicht der Unterschied allein stört Franka Dietzsch. Die Größe des Unterschieds, die ärgert sie. Aber jetzt ist sie Weltmeisterin. Was passiert, wenn Astrid Kumbernuss nicht gewinnt? "Dann müsste eigentlich etwas passieren."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben