Sport : Frankreich am Vorabend der Revolution

Serienmeister Olympique Lyon droht zum ersten Mal seit acht Jahren den Titel in der Ligue 1 zu verpassen

Matthias Sander[Bordeaux]

In Frankreich ereignet sich dieser Tage ein kleines Wunder. Nicht, dass es keine Streiks gäbe oder so. Nein, das Wunder trägt sich in der höchsten Fußballliga des Landes zu: Die Saison geht in die entscheidende Phase, und der Tabellenführer heißt nicht Olympique Lyon. Der Serienmeister, der zuletzt sieben Titel in Folge errungen hatte, ist nach der 0:1-Niederlage bei Herausforderer Girondins Bordeaux am vergangenen Spieltag nur noch Dritter der Ligue 1. Eine Tabellensituation nach 32 von 38 Spieltagen, die man in Frankreich zu diesem Saisonzeitpunkt gar nicht mehr kannte.

Und ein noch größeres Wunder könnte geschehen: Es scheint nicht ausgeschlossen, dass der Meistertitel diesmal nicht nach Lyon, sondern nach Bordeaux oder an Olympique Marseille mit dem früheren Bundesligatrainer Eric Gerets geht. Marseille ist derzeit mit vier Punkten Vorsprung vor Lyon Erster. Es wäre eine Revolution im französischen Fußball, den Lyon nun fast ein Jahrzehnt lang dominiert hat.Die Niederlage in Bordeaux war symptomatisch für eine Lyonnaiser Mannschaft, deren Vormachtstellung in den vergangenen zwei Jahren immer mehr abgenommen hat.

Unter den Augen des französischen Nationaltrainers Raymond Domenech trat Lyon zuerst mit seiner alten Kompromisslosigkeit und Abgebrühtheit auf. Doch nur eine Viertelstunde lang. Dann fand Bordeaux ins Spiel, berannte den hart spielenden Defensivblock um Toulalan, Cris und Boumsong und kam zu einigen Eckbällen. Einer davon führte schließlich zur Führung, die die Bordelaiser mit ihrer neu gewonnenen Selbstsicherheit verteidigten, ohne dass Olympique den Gegner noch einmal groß in Bedrängnis bringen konnte.

Gründe für Lyons bröckelnde Vorherrschaft gibt es einige. Einer davon ist die Transferpolitik. Wie so häufig in dieser Saison war Lyons Ausnahmetalent Karim Benzema auch gegen Bordeaux im Angriff weitgehend isoliert. Sein einstiger Lieblingspassgeber Fred wurde in der Winterpause abgegeben und nicht gleichwertig ersetzt, von den Außenstürmern im häufig defensiv interpretierten 4-3-3-System kommt wenig. Im Gegensatz zu Tabellenführer Marseille, der mit der Verpflichtung des brasilianischen Stürmers Brandao im Winter ein gutes Gespür bewies, verzichtete Lyon ganz auf Transfers. Dabei hatte Vereinspräsident Jean-Michel Aulas zwei, drei erstklassige Zugänge angekündigt. Bis heute wurden die Abgänge von Spielern wie Florent Malouda (zu Chelsea) oder Eric Abidal (zum FC Barcelona) nie ausreichend kompensiert.

Außerdem schlägt das abermalige Scheitern in der Champions League in Lyon auf die Moral. Spielmacher Juninho und Präsident Aulas gaben bereits vergangene Woche beinahe gleichgültig zu, dass ihnen der Meistertitel diesmal entgleiten könnte. Man ist sehr viel forschere Worte aus Lyon gewohnt. Nun legt der Serienmeister die Priorität vorerst auf den Einzug in die Champions League. Nicht zu Unrecht: Am Freitag kommt Paris St. Germain ins Stade Gerland. Der Vierte hat nur einen Punkt Rückstand auf Lyon.

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