Sport : Frankreich - Italien: Frankreich ist Europameister

Sebastian Arlt

Kein EM-Finale ohne Golden Goal. Was vor vier Jahren Oliver Bierhoff gegen Tschechien gelang, damit beglückte David Trezeguets gestern die Franzosen. In der 104. Minute traf der Stürmer vom AS Monaco im Finale von Rotterdam zum 2:1-Siegtor gegen die Italiener, die bis kurz vor Ende der regulären Spielzeit wie der der neue Europameister ausgesehen hatten. Erst in der vierten Minute der Nachspielzeit egalisierte der Franzose Sylvain Wiltord die Führung, die Marco Delveccio in der 55. Minute für Italien herausgeschossen hatte. Für Frankreich war es nach dem WM-Sieg im eigenen Land der zweite große Titel binnen zwei Jahren. Europa verneigt sich vor der Fußball-Weltmacht Frankreich.

Dabei hatte es lange Zeit nicht gut ausgesehen für den hohen Favoriten. 49 000 Zuschauer im ausverkauften Stadion "De Kuip" von Rotterdam waren nicht einmal überrascht davon, wie schwer sich die Franzosen mit den italienischen Defensivkünstlern taten. Schon beim Elfmeterdrama im Halbfinale gegen EM-Gastgeber Holland hatten die Italiener gezeigt, wie man eine spielerisch überlegene Mannschaft mit strikter Defensivtaktik schlecht aussehen lässt.

Natürlich bestimmten die Franzosen das Geschehen, aber sie traten keineswegs so glanzvoll auf wie beim Halbfinalsieg über Portugal. Der damals überragende Zinedine Zidane wurde vom giftigen Glatzkopf di Biagio weitgehend abgemeldet. Auch Youri Djorkaeff, im Halbfinale noch geschont, kam nicht wie gewünscht zur Geltung, das Gleiche galt für den im Turnierverlauf bisher so brandgefährlichen Thierry Henry. Ohne die individuellen Glanztaten ihrer Topstars funktionierte das französische Teamwork nicht so wie gewohnt - ganz gewiss ein Verdienst der gnadenlosen Defensivarbeit des neuen Europameisters. Weltmeister Frankreich wirkte lange hilflos gegen den Catenaccio.

Dabei soll jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass die Italiener sich auch beste Torchancen herausspielten, nachdem Delvecchio ein Zuspiel von Pessotto genutzt und den Ball aus Nahdistanz an Frankreichs Torhüter Fabien Barthez vorbei über die Linie gedrückt hatte. Allen voran Alessandro del Piero, der kurz vor dem Tor des Tages eingewechselte Superstar von Juventus Turin hätte die partie ganz allein entscheiden können. Die größte Chance vergab er sechs Minuten vor dem Schlusspfiff. Francesco Totti hatten ihn mustergültig freigespielt Bartthez lag schon auf dem Boden doch del Piero brachte das Kunststück fertig, den Ball direkt auf die Füße des Torhüters zu schlenzen.

Bei einem Blick auf den Welt- und Europameister fällt sofort auf: Es hat sich nicht viel geändert. 18 der 22 Spieler im EM-Kader waren schon bei der WM dabei. Das auffälligste neue Gesicht ist sicherlich Trainer Roger Lemerre, der nach dem Triumph 1998 Aimé Jacquet beerbte, dessen Cotrainer er vorher war. "Es ist mir eine Ehre, die Stiefel eines anderen anzuziehen und seinen Fußstapfen zu folgen", sagt der 58-Jährige, der seit Monaten einen Privatfeldzug gegen die Medien führt, der von der Mannschaft eher mit Unverständnis zur Kenntnis genommen wurde. Als Trainer jedenfalls setzte er kontinuierlich die erfolgreiche Arbeit seines Freundes Jacquet fort.

Gerade die Kontinuität auch bei der Besetzung hat sich für Frankreich als das große Plus erwiesen. Nicht nur in der Abwehr um Torwart Fabien Barthez und Laurent Blanc greift ein Rädchen ins andere, die Spieler kennen sich seit langem. Zudem waren der überragende Zidane, Deschamps, Djorkaeff, Blanc und die anderen nach dem WM-Sieg motiviert genug, zwei Jahre später das zu schaffen, was bisher nur eine deutsche Mannschaft erreicht hatte: gleichzeitig Welt- und Europameister zu sein. Die DFB-Elf hatte 1972 bei der EM und 1974 bei der WM gewonnen. Zwar verbreitete Frankreich in den vergangenen Jahren nicht immer Glanz, doch bei der EM sah man jetzt, dass die Franzosen noch stärker waren als zwei Jahre zuvor. Vor allem Zinedine Zidane dürfte auf dem Gipfel seiner Schaffenskraft angelangt sein. "Zidane ist die Figur der EM schlechthin. Er hat mehr als alle anderen, das gewisse Etwas", urteilte selbst Pelé.

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