Sport : Frankreich - Spanien: 2:1 - Meister und Lehrling

Sebastian Arlt

Der Spanier mit der Nummer zehn auf dem Trikot zögert keine Sekunde und legt den Ball auf den weißen Punkt, der genau elf Meter vom Tor der Franzosen entfernt ist. Eine Minute vor dem Abpfiff hat seine Mannschaft die große Chance, durch einen Strafstoß das Ausgleichstor zum 2:2 gegen den Weltmeister Frankreich zu erzielen. Der Franzose mit der Nummer zehn mag gar nicht hinschauen, halb abgewendet steht er links versetzt außerhalb des Strafraumes. Der Spanier nimmt sieben Schritte Anlauf, Schuss - hoch fliegt der Ball über das Tor der Franzosen. Während der gescheiterte Schütze wie betäubt auf die Knie sinkt, wird aus dem zuerst unbeteiligt scheinenden französischen Beobachter ein Derwisch, der gar nicht weiß, wo er mit seiner Freude hin soll.

Der Franzose Zinédine Zidane und der Spanier Raul Gonzalez Blanco, kurz Raul: unbändige Freude hier, Verzweiflung da. "Ich habe geweint, auf dem Feld, in der Kabine, nur noch geweint", stammelt Raul später in die Mikrofone. Es gibt keine Vorwürfe, aber er fühlt sich schuldig am Ausscheiden der Spanier nach dem 1:2. Verlängerung, eventuell Golden Goal oder Elfmeterschießen - hätte Raul getroffen, wäre alles offen gewesen. Doch Zidane kontert kühl: "Wir waren schon auf eine Verlängerung eingerichtet. Wir hätten gewonnen, weil wir besser waren."

"Eigentlich waren beide Teams gleichwertig, aber ein paar Spieler haben den gewissen Unterschied ausgemacht", sagt Frankreichs Trainer Roger Lemerre bei der Pressekonferenz in seiner Analyse. Der Unterschied hatte vor allem einen Namen: Zinédine Zidane. Gerade auf das Duell der beiden großen Stars in den beiden Mannschaften, Zidane (Juventus Turin) und Raul (Real Madrid), war der Fokus gerichtet. Hier der 28-jährige Franzose, Sohn algerischer Einwanderer, der zwei Tore beim 3:0 im Weltmeisterschafts-Endspiel 1998 gegen Brasilien erzielt hatte und anschließend zum "Weltfußballer" gekürt wurde. Dort Raul, der heute 23 Jahre alt wird (Feierlichkeiten fallen aus verständlichen Gründen aus) und als bester spanischer Fußballer (17 Tore in 34 Länderspielen) gilt. Beide sind echte Straßenfußballer, die in den Hinterhöfen von Marseille und Madrid lernten, sich durchzusetzen. Vor 16 Jahren bewunderte Zidane bei der Europameisterschaft in Frankreich sein Vorbild Michel Platini aus nächster Nähe. Der damals 12-Jährige war Balljunge im EM-Halbfinale der Franzosen gegen Portugal, das der Gastgeber mit 3:2 nach Verlängerung gewann.

Im Spiel in Brügge wirken die beiden wie Meister und Lehrling. Zidane, hinter der einzigen französischen Spitze, Henry, agierend, fordert die Bälle, treibt seine Mannschaft nach vorn. Wenn er angespielt wird, fühlt sich der Ball wohl, weil er gut behandelt wird. Und dann dieser Freistoß in der 32. Minute aus etwa 20 Metern Entfernung, den er unhaltbar zum 1:0 im spanischen Tor versenkt. Diese Pässe, diese Dribblings, dieses Annehmen von Bällen in der Bewegung. Wie mit Sekundenkleber haftet die Kugel dann an seinem Fuß.

Und Raul? Statt auch aus dem Mittelfeld in die Spitze gehen zu können, hat ihn sein Trainer zusammen mit Sturmpartner Alfonso in die vorderste Linie gestellt. Doch da kommt Raul überhaupt nicht ins Spiel. Er wirkt ausgebrannt, Höhepunkte seines Schaffens sind ein gefährlicher Heber in der ersten und ein "Beinschuss" bei Henry in der zweiten Hälfte. Im "Museo de Cera", dem Wachsfigurenkabinett von Madrid, ist er bereits ausgestellt. Genauso bewegungslos wie sein Abbild verharrt Raul manchmal auf dem Feld. "Ich habe jetzt mit 28 Jahren meinen höchsten Level erreicht", sagt Zinédine Zidane anschließend über sich. Bei Raul wird dies noch eine Weile dauern.

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