Sport : Frankreich trauert, Italien feiert

Zwischen Arc de Triomphe und Circus Maximus: Wie die Fans in Paris und Rom das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft erlebten

Hans-Hagen Bremer[Paris]

Er muss es irgendwie gespürt haben, und bis zum Ende der Verlängerung, als es 1:1 stand, sollte er sich auch nicht geirrt haben, der namenlose Clochard. Es war halb acht und das Spiel in Berlin noch nicht angepfiffen, da stand er unter der Brücke am Périphérique, der Pariser Ringautobahn, in der einen Hand eine Weinflasche, in der anderen zwei Flaggen, die rot-weiß-rote Frankreichs und die grün-weiß-rote Italiens. Mit denen winkte er den Autofahrern zu, als wollte er sie zur Eile antreiben, damit sie rechtzeitig nach Hause vor ihre Fernseher kämen.

Ganz Paris war an diesem Sonntag schon seit Stunden unterwegs, mit flatternden Fahnen in Autos und auf Motorrädern, in der Metro und zu Fuß, rot-weiß-rot geschminkt, manchmal grün-weiß-rot, um Plätze zu ergattern in einem der Cafés an den großen Boulevards, in denen Bildschirme installiert worden waren, und zu den Champs-Élysée, der Pracht-Avenue, auf der die Franzosen 1998 bis in die frühen Morgenstunden ihre Weltmeister-Elf bejubelt hatten und auf der sie am Mittwochabend vergangener Woche den Einzug der „Bleus“ ins Finale dieser WM feierten.

Hier wollten sie auch in der Nacht zum Montag wieder zu Hunderttausenden zusammenströmen, den Weltmeistertitel feiern. Doch bereits am Anfang galt es bange Minuten zu überstehen, die sich immer mehr in die Länge zu ziehen schienen, zu Hause vor dem Fernseher wie im Pariser Prinzenparkstadion und zwei anderen Pariser Sportarenen, in denen Zehntausende von Fans das Spiel auf riesigen Bildschirmen verfolgten und oft den Atem anhielten wie in dem Augenblick in der Verlängerung, als der Schiedsrichter Zinedine Zidane vom Platz stellte. Ausgerechnet „Zizou“, der Held der Black- Blanc-Beur von 1998, der zum Idol der Fussballjugend in den Vorstädten geworden war, der nun sein letztes Match bestritt, nachdem er abtreten wollte. Hatte er, dessen Spielernummer, die Zehn, viele Fans auf dem Trikot trugen, in dem sie an diesem Abend unterwegs waren, nicht einen besseren Abgang verdient? Erst die Rote Karte, dann das verlorene WM-Finale – Frankreich trauerte.

Auch bereits vor der Niederlage im Elfmeterschießen war die Stimmung an diesem Abend anders als 1998. Nachdem es am Mittwochabend zu vier tödlichen Unfallen von Fans gekommen war und in Paris und mehreren Vororten gewalttätige Jugendliche Autos angezündet, Polizisten angegriffen und Fans in Schlägereien verwickelt hatten, waren an diesem Abend Tausende von Polizisten aufgeboten. Was sollte nun in dieser Nacht passieren?

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