Frankreichrundfahrt : Fahrer sind langsamer - wird deshalb auch weniger gedopt?

Viele offene Fragen bei der Tour de France. Zwar spricht einiges für weniger Doping als in den letzten Jahren, doch laut Medienberichten soll das dominierende Team auch in diesem Jahr unter Dopingverdacht stehen. CSC hält angeblich Kontakt zu Doping-Arzt Fuentes.

Sebastian Moll[Saint-Amand Montrond]
223190_0_d74b2c9a
Carlos Sastre. -Foto: dpa

Fabian Wegmann gab ein Bild des Elends ab, als er am Samstag alleine im Frühstückssaal eines Hotels in Montlucon saß: hängende Schultern, die Augen verquollen, der Teint aschfahl. Der sonst gut gelaunte 27-Jährige sah so aus, als hätte er ein Gespenst gesehen: „Das waren die schlimmsten 24 Stunden meiner Karriere“, sagte er. Bitterlich geweint habe er am Vorabend. Der Grund: Nur zwei Tage vor dem Ziel der Tour de France in Paris wurde der Gerolsteiner-Profi zusammen mit zwei anderen Fahrern vom Feld abgehängt und kam nach stundenlangem Kampf außerhalb der Karenzzeit ins Ziel. Beim Zeitfahren am vorletzten Tag war er nicht mehr dabei. Es siegte sein Teamkollege Stefan Schumacher. Der Träger des Gelben Trikots, Carlos Sastre, verlor als Zwölfter weniger Zeit als erwartet und geht heute als designierter Toursieger auf die letzte Etappe nach Paris, auf der nicht mehr angegriffen wird.

Fabian Wegmanns Ausscheiden war für ihn besonders tragisch, weil es mit einer üblichen medizinischen Behandlung vermeidbar gewesen wäre. Der Deutsche Meister hatte nach Sturzverletzungen an der Hüfte allergische Reaktionen auf seine Verbände entwickelt, die mit einer Kortisonkur hätten behandelt werden können. Gemäß dem Ethik-Code der Mannschaften musste er auf das rettende Mittel jedoch verzichten. Ist er sauer auf die Verantwortlichen? „Sauer bin ich nur auf die, die in der Vergangenheit Kortison missbraucht haben und derentwegen eine solche Regelung notwendig ist“, sagte Wegmann. So tragisch diese Episode für ihn war, so hoffnungsvoll könnte sie für die Tour und den Radsport sein. Dass Spitzenfahrer wie Wegmann in der letzten Tour-Woche einfach nicht mehr mithalten können, ist ein Zeichen dafür, dass das Peloton nicht mehr durchgängig gedopt sein könnte; dass ein Fahrer wie Wegmann ohne zu murren auf unterstützende Mittel verzichtet, ebenfalls.

Auf der anderen Seite gibt es bis zum Schluss schlechte Nachrichten aus Frankreich. Die „Süddeutsche Zeitung“ hat Zeugen gefunden, die die dominierende Tour-Mannschaft CSC und ihren Spitzenfahrer Frank Schleck mit dem madrilenischen Doping-Arzt Fuentes in Verbindung brachten. Die Spekulationen rühren an der Grundsatzfrage: Sind bei dieser Tour die Dinge wirklich besser geworden? Oder blieb alles so schlimm wie es – im Lichte der Geständnisse früherer Spitzenfahrer – immer gewesen sein muss? Während dieser Tour waren Anzeichen für beides zu finden, selbst bei den drei spektakulären Dopingfällen. Dafür, dass alles beim Alten geblieben ist, spricht, dass noch immer mit Mitteln wie Epo und dessen Nachfolgeprodukten hantiert wird. Besonders alarmierend ist, dass die gefundenen Präparate auf Verbindungen zwischen Mannschaftsärzten und Forschungslaboren hinweisen. Dass die Benutzer erwischt wurden, spricht für einen kleinen Fortschritt. Auffällig war, wie kompromisslos die französischen Behörden vorgingen. Und dass die Wissenschaft Mittel nachweisen kann, die sie noch vor einem Jahr nicht fand.

Ein eher positives Indiz ist, dass die Fahrer deutlich langsamer geworden sind, als es etwa Lance Armstrong, Marco Pantani oder sogar Alberto Contador im Vorjahr waren. Etappensieger Carlos Sastre brauchte rund zwei Minuten länger für den Anstieg nach L’Alpe d‘Huez als Pantani bei seinem Rekord.

Problematisch hingegen ist, dass viele der so lautstark beworbenen Selbstkontrollprogramme der Teams nach Expertenmeinung eher der Selbstdarstellung gegenüber Sponsoren dienen. Doping tatsächlich verhindern können sie nicht.

Die Frage an den Radsport bleibt, wie er an einen Punkt kommen will, „wo er ethische Ausrutscher verkraften kann, weil er sich ein Grundvertrauen zurückverdient hat“. So jedenfalls wünscht es sich Gerolsteiner-Chef Hans-Michael Holczer. Die Frage für die verbliebenen Zuschauer ist, wie viel Geduld sie noch für diesen Sport aufbringen wollen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar