Sport : Frankreichs Franziska van Almsick

Laure Manaudou begeistert auch abseits des Schwimmbeckens

Frank Bachner[Budapest]

Zwischenzeitlich lag sie noch vorne, doch auf der letzten Bahn schoben sich gleich zwei Schwimmerinnen noch vorbei. Am Ende leuchtete Platz drei für Laure Manaudou auf, hinter der zweitplatzierten Deutschen Annika Liebs und der Siegerin Otylia Jedrzejczak aus Polen. Die Französin aber war geschlagen, obwohl sie im Halbfinale die beste Zeit geschwommen und die große Favoritin über die 200 Meter Freistil war. Doch zuvor hatte Jörg Hoffmann auf der Tribüne das spätere Ergebnis vorausgesagt. Der frühere Welt- und Europameister über 1500 Meter Freistil, der Mann, der sich quälen konnte wie kaum ein zweiter Schwimmer in der Welt, sagte: „Vielleicht machen die Franzosen im Hinblick auf die WM 2007 ja ein Experiment: Sie testen, wie viel Manaudou sich zumuten kann, bevor sie kollabiert.“

Es war nicht zynisch gemeint, Laure Manaudou aus Loyes in der Nähe von Lyon provoziert ungewöhnliche Gedanken. Die 19-Jährige gewann am Mittwochabend die 800 Meter Freistil, siegte danach in ihrem Halbfinale über 200 Meter Rücken und qualifizierte sich auch noch fürs 100-Meter-Rücken-Finale. Alles innerhalb von 70 Minuten. Am Donnerstag gewann sie in einer halben Stunde die 200 Meter Lagen und die 100 Meter Rücken. „Erstaunlich, diese Frau“, sagte Antje Buschschulte aus Magdeburg, die Zweite über 100 Meter Rücken. Laure Manaudou ist neben Britta Steffen, der Weltrekordlerin aus Berlin über 100 Meter Freistil, das Gesicht dieser Europameisterschaft. Steffen besetzt diese Rolle sensationell, Manaudou erwartungsgemäß. Sie ist Olympiasiegerin, Weltmeisterin und Weltrekordlerin über 400 Meter Freistil, Olympiazweite über 800 Meter Freistil, zweifache Europameisterin von 2004. Sie ist ein Star. Aber sie will offenbar zur Übergröße aufsteigen. Für acht Strecken ist sie gemeldet, ein Programm für Masochisten. Und nach ihrem Sieg über 100 Meter Rücken verkündete sie: „Ich will alles gewinnen.“

Aber sie sagte es nicht triumphierend, sie verkündete es fast zornig. Denn auch die große, mächtige, kraftstrotzende Laure Manaudou wird nicht von einem Computer angetrieben, sondern hat Nerven. Ausgerechnet ihren Auftakt, die 400 Meter Lagen, beendete sie mit einem Debakel. Die Vorlauf-18. Manaudou blieb 14 Sekunden über ihrer Bestzeit. „Ich weiß nicht, woran es gelegen hat“, stammelte sie.

Aber am nächsten Morgen schon schwamm sie die beste Vorlaufzeit über 800 Meter Freistil. Und spätestens nach ihrem Auftritt am Mittwochabend waberten Dopinggerüchte durchs Schwimmstadion. „Damit muss ich wohl leben“, sagt die 19-jährige Französin, „aber es nervt. Die Leute denken, was sie wollen, und sehen nicht, wie hart man trainiert.“

Sie bietet ihnen ja auch keine Bilder mit ihrem schmerzverzerrten, erschöpften Gesicht im Trainingsalltag. Die Leute sehen stattdessen Laure Manaudou, das sportliche Glamourgirl, das Bikini-Fotos von sich machen lässt, die an irgendeinem Strand in der Südsee aufgenommen worden sind. Die Leser französischer Klatschzeitungen wissen auch, dass die Lieblingsschuhe der 19-Jährigen „die Repetto“ sind, „die ich auf den Stufen von Cannes getragen habe“. Ihr Lieblings-Promipärchen sind die „Beckhams“, ihre Kinder will sie mal „Enzo und Angela“ nennen. Sie plaudert bereitwillig über Privates, die französischen Zeitungen und Illustrierten sind voll mit Manaudou-Geschichten.

Es ist nicht ganz klar, wer da mit wem spielt, sicher ist aber, dass beide, Sportlerin und Medien, davon profitieren. Die Athletin vermarktet sich und ihre Erfolge optimal, die Zeitungen machen Auflage mit Manaudou-Geschichten. Und der französische Verband kann seine Sportart jetzt wieder über einen attraktiven Star gut präsentieren. Es ist ein bisschen wie in Deutschland, als Franziska van Almsick auftauchte. „Frankreich hat immer nur zuschauen können bei diesen Schwimm-Märchen, von denen man dachte, sie seien für die anderen reserviert“, schreibt „L’Equipe“. Jetzt hat Frankreich sein eigenes Märchen. Zumindest so lange es keine positive Dopingprobe der Laure Manaudou gibt. Und, natürlich, so lange sie nicht mitten im Rennen zusammenbricht.

Auf der letzten Bahn über 400 Meter Freistil, ihrer Spezialstrecke, ist sie vielleicht nicht zusammengebrochen, aber bereits eingebrochen. „Da ist sie so überlegen, dass sie auch mit zusammengebundenen Füßen gewinnt“, hatte Jörg Hoffmann, der frühere Weltrekordler, zuvor geglaubt. Auf der letzten Bahn kam es anders.

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