Frankreichs Held des Eröffnungsspiels : Das Naturereignis Dimitri Payet

Dimitri Payet wird nach seiner famosen Leistung beim 2:1 gegen Rumänien mit Lob überschüttet. Dabei wollte er mit 16 nie mehr in Frankreich spielen.

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Dimitri Payet feiert sich und das Tor zum 2:1 für Frankreich
Dimitri Payet feiert sich und das Tor zum 2:1 für FrankreichFoto: dpa

Dimitri Payet weinte, als er vom Platz ging. Das ist Männern meist peinlich, erst recht wenn 80.000 andere zugucken, aber Payet schien es fast zu genießen. Er wischte sich die Tränen auf der riesigen Videoleinwand des Stade de France aus den Augen und schritt erhaben, langsam und glücklich Richtung Auswechselbank. Und das Publikum im Stade France erhob sich kollektiv und hob die Hände zum Applaus. Es war sein Abend, sein Spiel in dieser französischen Nacht. „Da war so viel Stress, so viel an Emotionen“, sagte er später über diesen Moment.

Payet, dieses 29 Jahre alte Naturereignis aus dem Übersee-Department La Réunion, stand für diesen glücklichen Ausgang der EM-Eröffnung am Freitagabend. Eine Minute vor Schluss hatte er das 2:1 für Les Bleus erzielt, das kaum mehr erwartete Siegtor gegen Rumänien.  Gleich darauf wurde er ausgewechselt und weinte seine öffentlichen Tränen. „Wenn mir das vorher einer erzählt hätte, ich hätte es nicht geglaubt“, sprach der Stürmer von West Ham United, „alles kam in diesem Augenblick zusammen“. Wie hätte Frankreich wohl reagiert, wenn es nur ein Unentschieden gegeben hätte gegen diesen Außenseiter, dem sie in Saint-Denis die Rolle eines Sparringspartners zugewiesen hatten? „Payet rettet die Party“, titelte die Sportzeitung „L’Équipe“.

Das 2:1 war erst sein vierter Treffer für Frankreich

Und was war das für ein Tor! Payet hatte den Ball vor dem Strafraum bekommen, mit dem Rücken zur rumänischen Defensive, schnelle Drehung um die eigene Achse,  die nächste Ballberührung war dieser Schuss wie ein Strich, hoch und scharf und platziert in den linken oberen Winkel des rumänischen Tores.  „Das war ein wunderbares Tor eines großartigen Spielers“, befand Rumäniens Trainer Anghel Iordeanescu, immer noch ein bisschen traurig, dass die beeindruckende Leistung seiner Mannschaft am Ende kein zählbares Ergebnis gezeitigt hatte. Aber was will man schon machen gegen die individuelle Qualität, über die Frankreich verfügt?

Es war dieser Dimitri Payet, der die Geschichte dieses höchst unterhaltsamen Spiels schrieb, nicht allein wegen des Siegtors. Der Flügelspieler war der überragende Mann dieses kühlen Frühlingsabends von Saint-Denis. Seine Dribblings und Flanken und Einfälle prägten die EM-Ouvertüre. An so ziemlich allen gefährlichen Aktionen der Franzosen war er beteiligt. Es war seine Flanke, die das französische Führungstor  durch Olivier Giroud ermöglicht hatte, wie er ohnehin das gesamte Spiel geprägt hatte mit seinem Hang zu den Aktionen, die niemand erwartet. „Dimitri ist der Mann, der den Unterschied machen kann“, sagte Frankreichs Trainer Didier Deschamps, „und heute hat er den Unterschied gemacht, das ganze Spiel über.“

Deswegen durfte Payet von Anfang an auflaufen, obwohl da doch auch ein weiteres Naturereignis war, Anthony Martial von Manchester United. Und deswegen nahm Deschamps, als es eine Viertelstunde vor Schluss noch 1:1 stand und Martial für Besserung sorgen sollte, nicht Payet vom Platz, sondern Paul Pogba, den Weltstar von Juventus Turin. „Einer von beiden musste runter, weil wir noch etwas bieten wollten“, sagte Deschamps. „Bei Dimitri hatte ich ein gutes Gefühl.“

Payet ist, was man in der Fußballsprache einen Spätstarter nennt. Mit 29 spielt er jetzt sein erstes großes Turnier. Das 2:1 gegen Rumänien war sein viertes Tor im 20. Länderspiel, und das nach langer Pause. Deschamps hatte ihn erst zu den Testspielen vor der EM wieder eingeladen. „Er hat einen langen Weg hinter sich“, sagte der Trainer, und diesen Weg geht er grandios. Mit zwölf Jahren hatte sich Payet aus La Réunion verbschiedet und sein Glück in Le Havre gesucht, aber da wurde er mit 16 als ungeeignet weggeschickt – zu schlecht für die zweite französische Liga. Payet wollte nie mehr zurück nach Frankreich, „das war ein schwerer Schlag für mich, ich wollte nur noch bei mir zu Hause spielen“, schilderte er. Aber sein Vater überredete ihn zu einem neuen Anlauf. Über Nantes, Saint-Etienne und Lille landete Payet in Marseille, wo er sich mit seinen Dribblings und Freistößen interessant machte für die großen Ligen Europas.

Am Ende bekam West Ham United den Zuschlag, mit ein wenig Glück, denn Olympique Marseille musst seinen besten Spieler wegen drängender finanzieller Probleme verkaufen. Für Zehn Millionen Pfund ging Payet vor einem Jahr in den Londoner Osten, spielte eine sensationelle Saison – und dürfte die Hammers demnächst trotz eines langfristigen Vertrags verlassen.  West Ham hat knapp die Europa League verpasst und spielt damit auf einem Niveau, für das Dimitri Payet einfach zu gut ist. Nicht nur, aber auch wegen seiner großartigen Vorstellung am Freitag in Saint-Denis.

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