Sport : Franzi, Super-Star: Zeichen setzen

Frank Bachner

Die Lippen sind natürlich rot bemalt. Und zwischen den Lippen klebt eine Zigarette. Und der Blick ist verführerisch, das natürlich auch. Das gehört zum Bild. Franziska van Almsick, der Vamp. Solche Bilder tauchen auf, in Boulevardzeitungen und Hochglanzmagazinen, rechtzeitig vor Sydney. Damit spielt Franziska van Almsick ihre nächste Rolle. Sie hat fast alle durch. Die kesse Göre mit der flotten Schnauze, die strahlende Siegerin, die große Verliererin, die dreimal zu dämlich ist, den Vorlauf ihrer Spezialstrecke 200 m Freistil zu überstehen. Und jetzt also der Vamp. Der passt zu einer 22-Jährigen. Diese Rolle hat sie natürlich selber gewählt. Sie mag diese Bilder der leicht verruchten Frau, ihr Management mag sie auch. Außerdem gehören solche Bilder zur PR-Stategie. Andere Rollen hat sie sich nicht ausgesucht. In die wurde sie gedrängt, von den Medien, von der Öffentlichkeit. Der arrogante Star oder die Hitler-Verehrerin oder die Werbemillionärin, die für so viel Geld zu wenig zeigt. Es sind immer Rollen, weil Stars nur so wahrgenommen werden. Dass die meisten Rollen nicht zum Menschen van Almsick passten, geht unter.

Aber ausgerechnet jetzt, vor Sydney, ist ihre sportliche Rolle nicht klar definiert. Ist sie die Frau, die ihrem eigenen Mythos hinterherläuft? Die Gold will in Sydney, weil ihr Gold noch fehlt, aber natürlich scheitern wird? Und dann aufhört? Wird sie dann abtreten als eine Art hochkarätiges Auslaufmodell? Oder ist die Frau, die es allen nochmal zeigen wird? Immerhin schwamm sie 2000 so schnell wie seit Jahren nicht mehr.

Sie weiß es selbst nicht. Nicht wirklich. Sie weiß nur, was sie auf keinen Fall will. Sie will sich nicht getrieben fühlen. Sie will nicht hören, was sie zu erreichen hat und welche Medaillen sie zu gewinnen hat. Sie will, verflixt noch mal, nicht hören, was sie die ganzen Jahre über gehört hat. Sie hat immer versucht, diese Erwartungen zu erfüllen. Doch wenn sie gewonnen und Medaillen gesammelt hat, dann hat sie nicht mehr als ihre Pflicht erfüllt. So empfand sie das.

Deshalb redet sie nicht von Gold. Natürlich hofft sie auf ein kleines Wunder, auf den Olympiasieg. Sie hat zumindest Chancen auf eine Medaille über 200 m Freistil. Aber eher beißt sie sich die Zunge ab, als enorme Erwartungen zu schüren. Deshalb redet sie lieber vom perfekten Rennen. Das ist ihr großes Ziel. Dieses Rennen, bei dem sie auch das letzte Fünckchen Kraft optimal einsetzt. Bei dem sie, wenn möglich, so schnell schwimmt wie nie zuvor. Weltrekord bedeutet das, weil sie den Rekord selber hält. Damit lenkt sie natürlich auch ab. Sie will weg von der Diskussion um Sydney-Medaillen. Aber das perfekte Rennen hat auch Symbolcharakter. Es ist Rache und sportliche Selbstbefriedigung und Ausrufezeichen. Es ist die große Antwort der Franziska van Almsick. Sie will sich beweisen, dass sie immer noch eine grandiose Schwimmerin ist. Sie will es den Kritikern zeigen. Sie will es der Konkurrenz zeigen. Sie will so abtreten, dass sie vor allen bestehen kann. Vor sich selber natürlich am stärksten.

Nach dem perfekten Rennen, sagt sie auch, werde ich abtreten. Nicht aber unbedingt nach Sydney. Aber Sydney wäre natürlich optimal. Nirgendwo sonst wäre ihr Paukenschlag spektakulärer. Dann hätte sie zwar wieder eine Rolle, ihre letzte: Franzi, Super-Star. Aber mit keiner anderen kann sie besser aufhören.

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