Sport : „Franziska holt Gold – natürlich!“

Jochen Zinner vom Olympiastützpunkt über Trainingsstunden im Wasser und die Chancen der Berliner Sportler in Athen

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JOCHEN ZINNER (60)

leitet seit 1995 den

Olympiastützpunkt in

Hohenschönhausen, wo sich Berliner Athleten

auf Olympia vorbereiten.

Foto: OSP

Herr Zinner, in 210 Tagen beginnt Olympia in Athen. Wer holt die erste deutsche Medaille?

Das kann ich Ihnen sagen. Am 14. August um 20.30 Uhr startet die 4-x-100-Meter-Freistil-Staffel der Schwimmerinnen. Da sind die Berlinerinnen Franziska von Almsick und Katrin Meißner dabei. Das könnte Gold geben.

Das wissen Sie jetzt schon?

Bei uns im Olympiastützpunkt wird gemeinsam mit Athleten und Trainern alles gut durchgeplant. Wir betreuen 76 Sportlerinnen und Sportler, die sich auf Athen vorbereiten. Mindestens 50 von ihnen werden fahren. Sie kommen mit 15 Medaillen zurück.

Sie sind sehr optimistisch.

Ohne Optimismus geht nichts. US-Präsident Bush hat die Vision des Menschen auf dem Mars entwickelt, auch wir haben Großes vor. Es gibt keinen deutschen Stützpunkt mit so vielen Spitzensportlern. Hier üben Schwimmer im Strömungsbecken, Hürdensprinter analysieren Sprünge per Laser. Wenn man über das Gelände läuft, könnte man an Faust denken: Verweile doch, du bist so schön.

Herr Zinner, jetzt übertreiben Sie aber.

Warum sollen wir nicht offensiv sagen, was wir bieten? Andere tun das auch. Die meisten Athleten von allen deutschen Städten schickt Berlin zu Olympia. Wir haben einen Schatz. Der darf nicht beschädigt werden.

Was meinen Sie damit?

Vielen Berlinern ist nicht klar, um welches Zentrum des Sports es geht. Zuletzt wurde darüber diskutiert, unsere Schwimmhalle zu schließen. Dabei wurde nicht bedacht, dass hier Franziska van Almsick für Gold trainiert.

Für Gold?

Natürlich! Franziska schwimmt 1000 Stunden im Jahr – und zwar für ein Rennen. Da wäre es ja eine Zumutung, wenn ich mich auf eine Bühne stellen würde und sage: Franziska, viel Glück in Athen! Vielleicht traue ich dir eine Medaille zu.

Welche Berliner holen noch Gold?

Unsere Ruderer haben Chancen, auch die Kanuten. Im Radsport ist viel zu erwarten. Und im Fünfkampf, wo Eric Walther als erster Deutscher Weltmeister geworden ist.

Wie werden aus Sportlern Sieger gemacht?

Die Athleten müssen sich auf das Wichtigste konzentrieren: trainieren, trainieren. Immer wieder und immer mit dem Ziel, besser zu werden. Guido Fulst, unser Radfahrer, radelt 20 000 Kilometer im Jahr. Oder Wiebke Nulle, unsere Bogenschützin – die schießt in dieser Zeit 100 000 Pfeile ab. Oder die Wasserspringerin Ditte Kotzian: 17 000 Sprünge.

Ist das nicht langweilig?

Das darf es nicht sein. Sonst schafft man beim Wettkampf keine besondere Leistung. Bei den letzten Spielen in Sydney stand an den Anzeigetafeln hinter vielen Athleten ein PB. Das hieß Personal Best, persönliche Bestzeit. Bei Deutschen hat das selten geleuchtet.

Woran liegt das?

In der Wirtschaft sagt man: 50 Prozent der Börsengewinne sind Psychologie. Im Sport ist das genauso. Deshalb ist ein ruhiges Umfeld wichtig. Es kann nicht sein, dass wir für die Radsportler im Velodrom um die Bahn streiten müssen. Es kann nicht sein, dass Trainer nur noch Einjahresverträge kriegen, obwohl sich ihre Athleten langfristig vorbereiten sollen. Das behindert unser Leistungsvermögen . Bei uns im Internat ist nicht einmal die Verpflegung richtig gesichert. Da muss sich mancher Sportler schon mal an der Tankstelle versorgen.

Du liebe Güte.

Wir haben in Berlin ein Riesenpotenzial, das ganz schön ausgepresst ist. Der internationale Wettlauf ist hart. 1996 hat uns eine japanische Delegation besucht. Jetzt waren sie wieder da. Sie brachten einen Prospekt mit von dem Trainingszentrum, das sie inzwischen gebaut haben. Das ist High-Tech, besser als bei uns. Aber das kostet eben.

Fühlen Sie sich vernachlässigt?

Ich will nicht jammern. Es geht darum, unser Potenzial bekannt zu machen. In Berlin arbeiten 120 Trainer, bei uns sind Mediziner, Physiotherapeuten, Biomechaniker und Sozialbetreuer angestellt, die gute Arbeit machen. In den Olympiastützpunkt kommen Profivereine wie Albas Basketballer oder die Eisbären, um sich beraten zu lassen. Nur Hertha BSC kommt nicht – die leben in ihrer eigenen Welt.

Das Gespräch führte Robert Ide.

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