• FRANZISKA SCHENK WAR MIT VOLLEM TEMPO UNTERWEGS RICHTUNG GOLD: Als das Covergirl plötzlich die Balance verlor

Sport : FRANZISKA SCHENK WAR MIT VOLLEM TEMPO UNTERWEGS RICHTUNG GOLD: Als das Covergirl plötzlich die Balance verlor

MARTIN HÄGELE

Auf zwei Medaillen war sie programmiert, doch die junge Heldin kann ihre Erfolgsstory vorerst nicht zu Ende schreibenVON MARTIN HÄGELE NAGANO.Offensichtlich hat die "Claudia Schiffer der Kufen" eine Vorahnung gehabt.Ihr Interview mit der Hamburger Illustrierten lag noch nicht mal an den deutschen Kiosks, da lag das Covergirl des deutschen Sports in Nagano schon auf der Nase. Und was tut mehr weh: die Gehirnerschütterung, die Prellungen an Schulter, Becken und Knie, der Riß im Schienbein, der gleich vor Ort im Umkleideraum der "M-Wave" genäht wurde? Oder die Häme, welche die 23jährige von nun an in jeder Schlagzeile lesen kann? Die geplatzte Wundertüte. "Jetzt ist sie nicht mehr schön und schnell, sondern nur noch schön" (Franziska Schenk im "Stern")Franziska Schenk, Studentin der Geisteswissenschaften, ZDF-Praktikantin, die gescheiter und zeitgemäßer reden kann als alle andern Mitglieder der Olympiamannschaft, hat nach ihrem Sturz nicht mehr gesprochen.Sie hat wegen ihrer Verletzungen das Recht in Anspruch genommen, sich der Öffentlichkeit zu verweigern.Das streichen ihr Kritiker als mangelnde Größe an.Doch muß eine Frau der ganzen Welt ihren Frust zeigen und sich ausziehen wie die Stripperin in der Bar? Franziska Schenk war extrem motiviert.Sie hatte extrem viel Speed drauf.Sie wollte extrem schnell angehen.Das Adverb extrem tauchte in jedem zweiten Satz des Cheftrainers Helmut Krauss auf."So etwas kann passieren, wenn man zu viel will", hat die Silbermedaillengewinnerin Chris Witty gesagt."Klappschlittschuhe verzeihen keine Fehler." Franziska Schenk war mit vollem Karacho unterwegs Richtung Gold, sie hatte die schnellste Startzeit auf der ungünstigen Außenbahn vorgelegt und lag bei 280 Metern schon fünf Meter in Front vor Marianne Timmer.Die Holländerin konnte nicht sehen, wie ihre deutsche Rivalin die Balance verlor, bei rund 55 Stundenkilometern die ungeheuren Fliehkräfte nicht mehr auf den Kufen halten konnte, auf den Hintern fiel und in die Bande krachte.Doch wahrscheinlich wußte der neue Shooting-Star des "Oranje-Teams" schon in diesem Moment, daß sie nach dem Olympiasieg über 500 Meter auch das zweite Gold über die längere Sprintdistanz einfahren würde. Auf zwei Medaillen war auch Franziska Schenk programmiert.Und die Form hatte ja auch gestimmt.Trotz des vierten Platzes über 500 Meter war die Sprint-Weltmeisterin sehr zuversichtlich gewesen.Und sie hatte vor allem auf ihre psychischen Vorteile gesetzt, glaubte "in kritischen Situation den anderen mental überlegen zu sein". Doch Olympische Spiele sind ein paar Nummern größer als Weltmeisterschaften oder Weltcups.Und die strahlende Franziska Schenk des Vorjahres war eine andere Person als die von Nagano.Um keine andere Frau gab es mehr Medien-Rummel, Funktionärs-Gebalze und mehr oder minder versteckte Eifersucht der Kolleginnen.Über eine andere hatte noch nie ein Magazin geschrieben, sie sei ein "Sonnenkind mit Augen wie Negerküssen".Das Vorzeige-Model aber skatet im roten Hosenanzug gegen einen Eisbären und verdient mit diesem spektakulären Werbespot soviel wie der große Rest zusammen in zwei Jahren. Im Grunde genommen wiederholte sich nur ein altbekanntes Stück deutscher Sportgeschichte.Nach derselben Methode ist auch die Schwimmerin Franziska van Almsick einst hochgeschossen und von der Allgemeinheit vereinnahmt worden.Kritisch reagierte die Sportnation erst, als die junge Titelhelden die Erfolgsstory nicht zu Ende schreiben konnte: Auch der "Franzi aus dem Wasser" fehlt der große Sieg bei Olympia. Katarina Witt hat dieses Phänomen einmal mit einem treffenden Generationen-Unterschied beschrieben."Wir haben früher zuerst Erfolge gebraucht, danach kam der Lohn", so die zweifache Eiskunstlauf-Olympiasiegerin."Heute gibt es das Geld auf Vorschuß, den Lorbeer muß man nachliefern".

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