Sport : Frau Clinton, Herr Blair, die Beckhams

Viel Prominenz kam in Singapur – der IOC-Chef ist darüber gar nicht so froh

Moritz Kleine-Brockhoff

Mittag in Europa, Abend in Südostasien: Im Stadtstaat Singapur entscheidet heute das Internationale Olympische Komitee, wo die Sommerspiele 2012 stattfinden. Die IOC-Mitglieder stimmen in Singapur im Raffles-Ballsaal ab, gelegen im Raffles-Hotel in der Raffles-Stadt, wo man über die Raffles-Avenue oder den Raffles-Boulevard hinfahren kann. Bestimmt sehen Briten, die die Spiele nach London holen wollen, das als gutes Zeichen. Sir Thomas Stamford Raffles war ein in Singapur erfolgreicher Brite, er hatte dort zur Kolonialzeit viel geschaffen.

Doch in dieser Woche, knapp 200 Jahre nach Raffles, sind andere Prominente wichtiger: Jacques Chirac, Tony Blair, Königin Sofia, Hillary Clinton, David und Victoria Beckham und Muhammad Ali sind nach Singapur gekommen, um zu werben. „Ich glaube nicht, dass der Kandidatur-Prozess so viele Stars braucht“, hat IOC-Präsident Jacques Rogge gesagt. Er fürchtet, dass die großen Namen vom Auswahlverfahren ablenken, das das IOC nach den Bestechungsskandalen der Vergangenheit verändert hat.

Kurz bevor die IOC-Mitglieder abstimmen, hören sie den Bericht der so genannten Bewertungs-Kommission des IOC. Elf Männer und zwei Frauen hatte Rogge ernannt, niemand kommt aus einem Land mit Olympia-Kandidat. Früher besuchten viele IOC-Mitglieder Bewerberstädte, und ließen sich dort beschenken.

Jetzt bleiben Besuche der Bewertungskommission vorbehalten, ihre Mitglieder reisten im Februar und im März. Vor vier Wochen lieferten sie einen vorläufigen Bericht ab, der Paris die besten Noten gab. In Singapur folgt die Endfassung.

Es wird ein langer Tag im Raffles Ballsaal. Ab neun Uhr Ortszeit erleben die IOC-Mitglieder Präsentationen der fünf Städte, die noch im Rennen um die Spiele 2012 sind: Paris, New York, Moskau, London, Madrid – in der Reihenfolge haben die Delegationen jeweils eine Stunde Vortragszeit. Und wenn danach die Chefin der Bewertungs-Kommission gesprochen hat, wird abgestimmt. Dabei soll es geheim und zugleich transparent zugehen. Zwar dürfen laut IOC-Regel „nur Mitglieder des IOC und Personen, die wegen ihrer Funktion vom Präsidenten autorisiert sind“, im Raum anwesend sein. Doch über Kameras wird die Abstimmung live übertragen. Die IOC-Mitglieder wählen verdeckt per Knopfdruck, ihre Stimmen werden elektronisch addiert, ohne dass nachvollziehbar ist, welches IOC-Mitglied sich für welche Stadt entschieden hat. Zum Wahlsieg ist die absolute Mehrheit nötig. Wird sie nicht erreicht, scheidet die Stadt mit den wenigsten Stimmen aus und es gibt einen neuen Wahlgang.

Zu Beginn werden nur 99 der 116 IOC-Mitglieder abstimmen. Zwei sind nicht nach Singapur gereist. Präsident Rogge ist natürlich da, mag aber nicht mitentscheiden. Der Bulgare Ivan Slawkow kann keine Stimme abgeben, weil er wegen Korruptionsverdachts suspendiert ist. Und 13 weitere IOC-Mitglieder dürfen nicht am ersten Wahlgang teilnehmen, weil sie aus den fünf Ländern stammen, die Kandidatenstädte stellen. Einige von ihnen könnten in eventuellen späteren Wahlgängen aktiv werden, sobald die Stadt ihres Heimatlandes aus dem Rennen ist. Laut Tagesordnung sind 45 Minuten für den Vorgang vorgesehen. 2001 ging die Stadtwahl schnell, weil nach dem zweiten Wahlgang feststand, dass Peking die Spiele 2008 austragen wird. Für 2004 hatte Athen vier Wahlgänge gebraucht.

Vielleicht will er Neutralität demonstrieren, vielleicht ist er ehrlich: IOC-Chef Rogge sagt, dass er dieses Mal wieder knappe Abstimmungen erwarte, er spricht von „fünf Kandidaten mit gleichem Wert und mit gleichem Potenzial“. Gegen 13.45 Uhr deutscher Zeit wird Rogge den Sieger bekannt geben.

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