Sport : Frauen fliegen anders

Etwa 200 Skispringerinnen gibt es weltweit – aber bei den großen Wettkämpfen dürfen sie noch nicht mitmachen

Benedikt Voigt

Innsbruck. Ernst Vettori hat lange auf einer hölzernen Bierbank am Fuße der Garmischer Olympiaschanze auf seinen Chef gewartet. Jetzt möchte er endlich aufbrechen. „Mit dir gehe ich nie mehr irgendwo hin“, schimpft der ehemalige österreichische Skispringer, als Toni Innauer nach einem längeren Gespräch endlich zurückkommt. Doch kurz bevor die beiden Verantwortlichen des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV) gehen, bekommt Innauer die nächste Frage gestellt: „Was halten Sie vom Frauen-Skispringen?“ Der Sportdirektor der Österreicher blickt Vettori an, doch dieser hat es plötzlich überhaupt nicht mehr eilig. „Auf diese Antwort bin ich selber gespannt“, sagt Vettori. Beide lachen.

Irgendwo zwischen Lachen und Ernsthaftigkeit pendelt gegenwärtig das Skispringen der Frauen. Die Sportart ist immer noch ein Männersport. Bei der aktuellen Vierschanzentournee beschränkt sich die Rolle der Frau darauf, sich als Zuschauerin an die Schanze zu stellen – oftmals sogar als kreischender Groupie. Oder, wie die deutsche Physiotherapeutin Nicole Hoffmeyer, die Waden der Skispringer durchzukneten. Noch nie sprang eine Frau bei der Vierschanzentournee mit, wenngleich Hans Mahr sich das gut vorstellen kann. „Können wir nicht in Oberstdorf Vorspringerinnen haben?“, fragte der RTL-Chef die Verantwortlichen vor Saisonbeginn.

Mahr fahndet stets nach Elementen, die das Skispringen attraktiver machen könnten. Innauer aber möchte Vorspringerinnen nicht sehen. „Die Frauen haben den Anspruch, dass sie nicht nur zur Unterhaltung springen.“ Einen gleichgeschlechtlichen Wettkampf kann er sich aber auch nicht vorstellen. „Die Frauen haben nicht die Sprungkraft der Männer“, sagt Innauer, „sie hätten keine Chance.“

Rund 200 Skispringerinnen gibt es weltweit. „Viele hören mit 15 Jahren auf, weil sie keine Perspektive sehen“, sagt Helga Iraschko. Die Österreicherin ist die Mutter von Daniela Iraschko, der bekanntesten Skispringerin. Die 20-Jährige hat im vergangenen Jahr mit ihrem Rekordsprung auf 200 Meter beim Skifliegen auf dem Kulm eine begrenzte Bekanntheit erreicht. „Ein Jahrhundertflug“, schrieb die „Kleine Zeitung“ aus Graz. Den Weltrekord der Männer hält Matti Hautamaeki aus Finnland mit 231 Metern. Daniela Iraschko besitzt inzwischen eine eigene Internetseite, die örtliche Raiffeisenbank sponsert die Studentin der Wirtschaftswissenschaften. Sie habe aber nicht den Anspruch, gegen Männer anzutreten, berichtet ihre Mutter. „Die Damen schickt man ja auch nicht die Männerabfahrt hinunter.“

Noch kämpft die junge Sportart um Anerkennung. 1997 beschäftigte sich der Internationale Skiverband Fis erstmals offiziell mit den skispringenden Frauen. Der Fis-Chef Gianfranco Kasper befürchtete damals, „dass die Wucht des Aufpralls die Gebärmutter zerstört“. Der deutsche Mannschaftsarzt Ernst Jakob sagt: „Das ist dummes Zeug, Frauen können genauso Skispringen wie Männer.“ Inzwischen hat der internationale Verband sein Reglement so überarbeitet, dass es für beide Geschlechter offen ist. „Wir haben alles eliminiert, was sich auf Männersport konzentriert“, sagt Fis-Renndirektor Walter Hofer.

Die Trainer orientieren sich jedoch immer noch an den Erfahrungen mit den Männern. Ein Fehler, glaubt Helga Iraschko und fragt sich: „Vielleicht fliegen Frauen anders, vielleicht muss man den Anlauf für die Mädchen anders spuren?“ Eines aber hat man bereits festgestellt: Damit die Frauen am Schanzentisch eine ausreichende Geschwindigkeit für größere Weiten erreichen, benötigen sie einen längeren Anlauf.

Die Zukunft der Frauen im Skispringen hängt davon ab, ob sie es schaffen, olympisch zu werden. „Es sieht nicht danach aus“, sagt Walter Hofer, „das Internationale Olympische Komitee hat Statuten, nach denen eine Sportart erst olympisch werden kann, wenn zwei Weltmeisterschaften stattgefunden haben.“ Er habe zwei Bewerbungen für die nordische Ski-WM 2009 auf dem Tisch. „Und da ist das Frauen-Springen nicht vorgesehen.“ Der deutsche Mannschaftsarzt Ernst Jakob glaubt, dass es schneller gehen kann. „Vor einigen Jahren konnte man sich im Biathlon auch noch nicht vorstellen, dass Frauen mit einem Gewehr durch die Gegend laufen.“ Hoffnung macht den skispringenden Frauen auch, dass in diesem Jahr erstmals eine Juniorinnen-WM stattfinden wird. Ansonsten messen sie sich im Continental-Cup oder im Fis-Ladies-Cup, einer Art Vierschanzentournee für Frauen.

Noch aber ist nicht geklärt, was das österreichische Skisprungidol Toni Innauer vom Frauenspringen hält. Ernst Vettori blickt ihn neugierig an. „Ich muss vorsichtig sein“, sagt Toni Innauer. Neulich besuchte er die österreichische Meisterschaft der Schüler, um den Nachwuchsbereich zu sichten. Den Namen des Siegers weiß er nicht mehr. Aber das Geschlecht. Innauer sagt: „Dort hat ein Mädchen gewonnen.“

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