Frauen-Fußball : Turbine Potsdam spielt beiläufig brillant

Tabellenführer Turbine Potsdam empfängt heute die Fußballerinnen aus Frankfurt im DFB-Pokal.

Helen Ruwald
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Keine Gegnerinnen mehr. Im Mai trafen Fatmire Bajramaj (rechts, damals bei Duisburg) und Monique Kerschowski noch im...dpa

Berlin - Bernd Schröder gibt sich alle Mühe, doch irgendwann bricht die Argumentationskette ab. Argument für Argument listet der Trainer auf, warum sich aus dem 4:1-Sieg seines Teams Turbine Potsdam vor drei Wochen gegen den 1. FFC Frankfurt keinerlei Rückschlüsse ziehen lassen auf das heutige Spiel im DFB-Pokal-Viertelfinale gegen den gleichen Gegner (13.15 Uhr, Karl-Liebknecht-Stadion Babelsberg, live im RBB). Es sei mit Schneeboden zu rechnen, und sein junges Team sei durch die Zusatzbelastung in der Champions League geistig möglicherweise erschöpfter als die routinierten Frankfurterinnen, die nicht international spielen. Außerdem „lief es gegen Frankfurt erst nach drei Toren“ wirklich. Doch nach all den Vorbehalten rutscht Bernd Schröder ein für ihn ungewöhnlicher Satz heraus: In der Hinrunde „haben wir zum Teil brillanten Fußball gespielt“, sagt er beiläufig. Brillant. Ein höheres Lob kann es aus dem Mund des kritischen Fußballlehrers wohl nicht geben.

In der vergangenen Saison lag sein Team nach der Vorrunde mit sieben Punkten Rückstand auf den FC Bayern auf Rang zwei und sicherte sich am letzten Spieltag in einem dramatischen Fernduell mit den Münchnerinnen und dem FCR Duisburg noch den nicht mehr für möglich gehaltenen Titelgewinn. In dieser Saison hat Turbine schon in der Vorrunde angegriffen – und geht als Tabellenführer vor den punktgleichen Duisburgerinnen in die Winterpause. Und mit acht Punkten Vorsprung auf den Dritten aus Frankfurt, der ein Spiel weniger bestritten hat. Zehn Siege und zwei Unentschieden in den Spitzenspielen in Duisburg und München, wo Potsdam beide Male bis kurz vor Schluss führte, weist die Statistik aus. Die Tordifferenz von Turbine: 48:9. Entscheidenden Anteil daran haben die beiden Nationalspielerinnen Anja Mittag und Fatmire Bajramaj. Mittag, die vor drei Wochen gegen Frankfurt dreimal traf, liegt in der Bundesliga-Torjägerliste nach zwölf Spieltagen mit 13 Treffern auf Platz zwei, Bajramaj mit elf Toren auf Rang drei. Nur Duisburgs Inka Grings ist mit 20 Treffern noch besser. Auch die überragende Technikerin Bajramaj spielte bis zum Sommer beim Uefa- Cup-Sieger Duisburg. Die Eingewöhnung der Mittelfeldspielerin in Potsdam lief problemlos. „Dass es so funktioniert, damit konnten wir nicht rechnen“, sagt Schröder über die 21-Jährige. „Sie ist wesentlich pflegeleichter als manche Pseudo-Stars.“

Doch trotz der starken Vorrunde warnt Schröder vor Euphorie. „Im letzten Jahr hatten wir bis zu acht Punkte Rückstand – so wie jetzt Frankfurt – und sind noch Meister geworden. Da gehört Glück dazu und Gottes Hand.“

Frankfurt ist längst noch nicht bereit, den Kampf aufzugeben. Und im Pokalspiel heute ist das Ziel des Deutschen Meisters 2008 ohnehin klar. „Wir fahren nicht hin, um uns wieder vorführen zu lassen“, sagt Trainer Sven Kahlert vor dem Spiel der langjährigen Rivalen. „Wir wollen wieder mal ein Topspiel gewinnen.“ Und außerdem einen Titel, war die vergangene Saison, die Frankfurt nur als Vierter beendete, doch eine ohne jegliche Trophäen geblieben. Dies aber entspricht nicht dem Selbstverständnis des professionellsten und finanzkräftigsten Klubs der Frauen-Bundesliga, zu dessen Kader zahlreiche Nationalspielerinnen gehören, darunter Birgit Prinz und mehrere frühere Potsdamerinnen: Weltklassetorhüterin Nadine Angerer, Petra Wimbersky, Conny Pohlers, die nach einjähriger Verletzungspause im Herbst ihr Comeback gegeben hatte, sowie die neue Langzeitverletzte Ariane Hingst. Der Erfolg soll mit Macht zurückgeholt werden. Schließlich geht es auch um das Image des ehemaligen Serienmeisters und seines Managers Siegfried Dietrich, der den Frauenfußball wie wenig andere vorangebracht hat, aber auch die Selbstinszenierung liebt. Der erst im Sommer 2008 verpflichtete Trainer Günter Wegmann flog vor zwei Monaten nach der ersten Saisonniederlage raus – nach dem vierten Spieltag. Die Chemie zwischen Trainer und Mannschaft habe nicht mehr gestimmt, sagte Dietrich der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Wegmanns Assistent Sven Kahlert, bis zum Sommer für die männlichen B-Junioren des FSV Mainz 05 verantwortlich, wurde zum Chef befördert – ein Neuling im Frauenfußball.

Bernd Schröder ist kein Neuling. Er hat manche Krisen und den Wechsel zahlreicher Leistungsträgerinnen nach Frankfurt überstanden. Als Sven Kahlert ein Jahr alt war, gründete Bernd Schröder Turbines Frauenteam. Vor 38 Jahren.

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