Frauen im Sport : Jenseits der Erotik

Wie weiblich ist der Sport? Ein Besuch bei einer Geschlechterforscherin zum Weltfrauentag.

Friedhard Teuffel
Beachvolleyball
Beachvolleyballerinnen haben bei der Wahl der Kleider kein Mitspracherecht. -Foto: dpa

KölnÜber Beachvolleyball regt sich Bettina Rulofs regelmäßig auf, da können die Frauen so gut spielen wie sie wollen. Aber ihre Sportbekleidung haben sie sich nicht ausgesucht, die engen Oberteile und die knappen Höschen, die sind ihnen vorgeschrieben worden vom Internationalen Volleyball-Verband. „Dadurch bestätigt ein Verband, dass er Frauen vor allem über ihre Erotik vermarkten will“, sagt Rulofs. Beachvolleyball sieht sie auch aus wissenschaftlicher Perspektive, Rulofs forscht am Lehrstuhl Geschlechterforschung der Deutschen Sporthochschule Köln. Der Weltfrauentag heute ist ein guter Anlass für einen Besuch.

Rulofs hat untersucht, wie Sportlerinnen in den Medien behandelt werden, wie Frauen im Sport und seinen Gremien vertreten sind und was ihnen der Sport bringt. Nur mit einer Frage tut sie sich schwer: Ist der Sport weiblicher geworden? Dann müsste sie definieren, was weiblich ist und was männlich. „Ich finde, das muss jeder für sich entscheiden“, sagt sie. Dafür kann sie erklären, was die Frauen im Sport erreicht haben: „Der Sport ist durch die Frauen vielfältiger geworden“, nicht länger die Domäne der jungen leistungsstarken Männer. Durch die Frauen haben sich die Vereine öffnen müssen, etwa für den Fitness- und Gesundheitssport.

In deutschen Sportvereinen sind fast 40 Prozent der Mitglieder Frauen, längst haben sich Frauen auch in traditionellen Männersportarten durchgeboxt. „Es hat sich sehr viel zum Positiven verändert“, sagt Rulofs. Sie freut sich, dass Mädchen auch Kampfsportarten betreiben. „Gerade diese Mädchen ziehen einen enormen Identitätsgewinn heraus, indem sie sich in einer Männerdomäne behaupten.“ Sie seien dadurch selbstbewusster geworden und könnten Konflikte besser lösen. Auch hätten junge Frauen heute ein ganz anderes Verhältnis zum Wettbewerb als ältere Generationen. „Die nehme ich als genauso leistungsorientiert wahr wie ihre männlichen Kollegen“, sagt Rulofs.

Es geht Rulofs und ihren Kolleginnen ohnehin nicht nur darum, die Benachteiligung von Frauen zu untersuchen. Erst kürzlich haben sie eine Studie durchgeführt, die sich mit Jungen im Straßenverkehr beschäftigt, und dabei mit der Frage: Warum haben Jungen viel häufiger Unfälle als Mädchen? Die Antwort: Zu hohe Risikobereitschaft. Die Lösung: ein Trainingsprogramm. Eine andere Frage ist, warum Frauen eher Gesundheitsvorsorge durch Sport betreiben als Männer.

Als sich Rulofs mit ihrer Arbeitsgruppe die Darstellung von Sportlerinnen in den Medien angeschaut hat, ist sie zu einem erfreulichen Ergebnis gekommen: „Über Jahre hinweg wurde über die Sportmedien geschimpft, dass sie die Frauen nicht ernst genug nehmen würden und immer nur als erotische Diven darstellen.“ Mit der Wirklichkeit hat das jedoch nicht mehr viel zu tun. „Überwiegend werden Sportlerinnen in den Medien als Leistungsträgerinnen dargestellt. Es wird für Frauen Position ergriffen.“ Das habe der Sport anderen Bereichen voraus, etwa der Werbung oder der Unterhaltungsindustrie, in der immer noch Stereotype vorkommen, und Stereotype sind die Feindbilder in der Geschlechterforschung. Stereotype sieht Rulofs zum Beispiel in den Werbekampagnen einiger Fitnessstudios. Die Aussage sei: „Sporttreiben, ja, denn es vermittelt Aktivität und Stärke, aber es darf diese Spur an sexualisierter Unterwürfigkeit nicht fehlen“, sagt die 36 Jahre alte Wissenschaftlerin. „Die Vermischung von Sport und Erotik – damit tun wir den Sportlerinnen keinen Gefallen.“

Manchmal wird sie jedoch angesprochen von Frauen, die ihr sagen, dass sie alles zu eng sehe. Sie wollten sich doch als Frau darstellen und dazu gehöre auch die Sexualität. „Das ist ja in Ordnung, so lange nicht die Selbstbestimmung der Frau in Gefahr gerät“, sagt Rulofs.

Nur zehn Prozent der Bundestrainer sind Frauen, und es gibt nur wenige Sportverbände, die von einer Frau geführt werden. „Männern wird es wohl eher zugetraut. Der alte Glaube an die männliche Kraft und Stärke in der Führung ist offenbar gerade im Sport wichtig.“ Hinzu komme, dass solche Ehrenämter meistens einen Beruf mit großem Renommee erfordern, Arzt oder Rechtsanwalt. Auch Christa Thiel, die Präsidentin des Deutschen Schwimm-Verbandes ist Rechtsanwältin. Genauso wie mehr Frauen in Führungspositionen wünscht sich Bettina Rulofs mehr Vielfalt beim Sporttreiben, vielleicht mal eine gemischte Staffel in der Leichtathletik, zwei Frauen, zwei Männer, „das würde etwas auflösen an klassischer Geschlechtertrennung“.

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