Frauenboxen : Wie schlägt man eine, auf die geschossen wurde?

Lucia Morelli boxt heute gegen ihre frühere Sparringspartnerin Rola El-Halabi, die von ihrem Stiefvater niedergeschossen worden war und danach monatelang im Rollstuhl saß und nun ihr Comeback im Ring gibt.

Nico Feißt
Gegnerinnen für einen Kampf. Früher trainierten Rola El-Halabi (links) und Lucia Morelli zusammen, heute Abend boxen sie gegeneinander.
Gegnerinnen für einen Kampf. Früher trainierten Rola El-Halabi (links) und Lucia Morelli zusammen, heute Abend boxen sie...Foto: Eibner Pressefoto

Offenburg - Samstagabend steht der wohl bedeutendste Kampf an, den das Frauenboxen 2013 zu bieten hat. Es wird um drei WM-Titel gehen, aber das ist eher zweitrangig. Rola El-Halabi, die vor knapp zwei Jahren von ihrem Stiefvater niedergeschossen wurde, tritt gegen Lucia Morelli an. Die 33-jährige Morelli steht vor der letzten großen Chance ihrer Karriere. Sie will mit dem Gerücht aufräumen, dass sie absichtlich verlieren würde, damit das Comeback El-Halabis nach 21 Monaten Pause erfolgreich verläuft.

„Wir gehen davon aus, dass das Comeback schief gehen wird.“ Morellis Manager Rolf Wittmeier erntete für diesen Satz im November Pfiffe, als er ihn auf einer Pressekonferenz sagte. Zuvor hatte Rola El-Halabi ihre Rückkehr in den Ring mit einem Kampf gegen Morelli verkündet. Mit einem weiteren Kampf El-Halabis hatten nur die wenigsten gerechnet.

Schließlich wurde die Deutsch-Libanesin im April 2011 in Berlin von ihrem Stiefvater und früheren Manager niedergeschossen. Zehn Minuten vor ihrem Titelkampf. Mit vier Kugeln, in die Schlaghand, das Knie und beide Füße. Zwei Monate saß sie im Rollstuhl, neunmal lag sie auf dem Operationstisch. Ihre Ärzte waren anfangs nicht sicher, ob sie je wieder würde laufen können. Selbst in der Hauptverhandlung, als ihr Stiefvater zu sechs Jahren Haft verurteilt wurde, sagte sie, dass eine Rückkehr in den Boxring utopisch sei.

Heute Abend nun wird El-Halabi in den Ring zurückkehren. Gegen jene Lucia Morelli, die früher ihre Sparringspartnerin war. Sie würden sich so nahe stehen wie die Klitschko-Brüder, war in einigen Boxforen zu lesen, deshalb sei Morelli eine willkommene Partnerin zum Comeback. Bei solchen Sätzen kann Lucia Morelli nur müde lächeln: „Wir waren früher gute Kolleginnen, aber so nah wie die Klitschkos waren wir uns nie. Seit dem letzten Sparring hatten wir nämlich keinen Kontakt mehr.“

Kontakt hatte Morelli vor zwei Jahren kurz zu El-Halabis Stiefvater. Er hatte angeboten, Lucia Morelli nach ihrem gewonnenen WIBF-Titel im Februar 2011 zu promoten. Rola würde es gesundheitlich nicht gut gehen, sagte er, und er wolle, dass Rolas Titel in Deutschland bleibe. Deshalb solle Morelli um diesen boxen. El-Halabi hatte wohl zu dem Zeitpunkt bereits den Freund, den der Stiefvater nicht akzeptieren wollte. Deshalb sah der Stiefvater die Karriere von Rola in Gefahr.

Morelli und ihr damaliger Trainer Andy Preuß zögerten mit der Zusage, bis das Angebot seine Aktualität verlor. Von El-Halabis Stiefvater hörten sie erst wieder zwei Monate später, als die grausame Tat passierte: „Wir waren zutiefst schockiert“, sagt Morelli.

Als dann die Anfrage zum direkten Duell kam, sagte Morellis Management nicht sofort zu. Erst die von Rola El-Halabi in Aussicht gestellte Möglichkeit einer Live-Übertragung im Fernsehen gab den Ausschlag. Sat1 wollte den Kampf im Rahmen eines Events von Felix Sturm übertragen. Doch El-Halabi wollte nicht. Sie wollte nur in ihrer Heimat Neu-Ulm boxen: „Wir sind Gegnerinnen auf Augenhöhe, da kann das Publikum den Unterschied machen. Ich werde hier eine Armee von 7000 Leuten im Rücken haben, die mich unterstützt“, sagt El-Halabi.

Dass der Kampf jetzt nicht im Fernsehen, sondern nur im Internet zu sehen ist (22.30 Uhr, www.boxen-heute.de), ist für Morelli eine Enttäuschung und für El-Halabi ein finanzielles Risiko. Knapp 350 000 Euro stemmt sie als Veranstalterin selbst. Dass Morelli nicht bekannter ist, schreibt sie selbst dem geringen Interesse am Frauenboxen zu: „Jeder Zweite weiß, wie es im Boxgeschäft abläuft. Da zählt leider nicht nur das Sportliche an sich. Ohne Geschichte ist es schwierig.“ Diese Geschichte kann sie am Samstag schreiben. Es wird vielleicht ihre letzte große Chance sein. Dafür hat Morelli hart wie nie trainiert. In den letzten acht Wochen trainierte sie in Karlsruhe gar unter Profibedingungen. Nur Heiligabend und Silvester gönnte ihr neuer Trainer Dominik Junge ihr je einen freien Tag.

Dass sie boxen kann, wissen die Experten. Das bewies Morelli, die erst mit 25 Jahren zum Boxen kam, schon 2009, als sie sich der weltbesten Boxerin, der Norwegerin Cecilia Braekhus vom Berliner Sauerland-Stall, erst nach Punkten beugen musste. Braekhus sprach danach von dem härtesten Kampf ihrer Karriere, Morelli wollte es bei dieser einen Niederlage belassen. Dass zwei weitere ihre bis dato makellose Kampfbilanz herunterziehen, war vor allem dem Heimvorteil ihrer damaligen Kontrahentinnen zuzuschreiben. Im November 2010 wurde sie gegen die Französin Myriam Lamare nach sechs Runden aus dem Kampf genommen und verstand die Welt nicht mehr. Ähnlich lief es im Februar 2012, ihrem bislang letzten Kampf: Weil sie angeblich zu passiv war, brach der Ringrichter den Kampf gegen die Belgierin Delfine Persoon ab. Das kostete sie den WIBF-Titel.

Zwei Niederlagen, aus denen die Deutsch-Italienerin, die noch WFC-Weltmeisterin ist, gelernt hat: „Am Samstag kann ich wohl nur durch einen Knockout gewinnen. Mit vier Titeln würde es leichter werden, auch einmal einen Heimkampf zu bekommen. Genau das ist mein Traum“, sagt Morelli.

Die Geschichte ihrer Kontrahentin wird Morelli im Boxring komplett ausblenden können. Mitleid aufgrund des vielen Leids, welches Rola El-Halabi erfahren hat, wird Morelli nicht haben: „Natürlich ist es blöd, was ihr passiert ist. Doch die Anfrage kam von ihr, sie will kämpfen“, sagt sie: „Frauenboxen ist kein Primaballerina-Sport, da wird es abgehen. Schließlich stehen am Ende nur wir zwei im Ring, und dann zeige ich ihr, wo es langgeht.“

Die eine kämpft für ihren Traum von einem Heimkampf und die Bekanntheit, die ihr bislang verwehrt blieb, die andere kämpft für den nächsten Schritt zurück ins Leben. Gewinner werden laut Morelli die Zuschauer sein: „Es wird seit langem mal wieder ein richtig guter Frauenkampf werden.“

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