Sport : Frauenfußball: Das Ende der Exotik

Helen Ruwald

Die Fußballerin, das seltsame Wesen. 5000 Koblenzer ließen sich den bedeutsamen Moment nicht entgehen, pilgerten am 10. November 1982 zum ersten Länderspiel der deutschen Frauen-Fußballnationalmannschaft. Die heutige Kotrainerin Silvia Neid, die damals beim 5:1 gegen die Schweiz zwei Tore erzielte, erinnert sich an Fernsehinterviews mit Zuschauern: "Sie wollten schöne Frauen sehen, den Trikottausch oder mal gucken, wie dick wir sind." Das wird den heutigen Spielerinnen erspart bleiben, die bei der EM morgen in Erfurt ihr Auftaktspiel gegen Schweden bestreiten. Frauenfußball hat sich durchgesetzt.

Bis zum ersten Länderspiel war es ein langer Weg. 1955 hatte der DFB-Bundestag Frauenfußball verboten. Beim Kampf "erleidet Körper und Seele der Frauen unweigerlich Schaden", heißt es rückblickend auf der Homepage des Deutschen Fußball-Bunds. Schicklichkeit und Anstand würden verletzt, wenn die Frauen ihren Körper auf dem Fußballplatz zur Schau stellten. 1970 wurde das Verbot aufgehoben, die Frauen durften zunächst keine Stollenschuhe tragen und nur von März bis Oktober spielen, mit Jugendbällen. Und das auch nur zweimal 30 Minuten statt wie heute zweimal 45.

1982 wurden die Frauen belächelt und bestaunt, beim EM-Sieg 1989 bejubelt. Das Halbfinale gewann Deutschland gegen Italien erst nach Elfmeterschießen, danach fing die Kamera Torhüterin Marion Isbert ein, "die geheult und ihren kleinen Sohn auf dem Arm gehalten hat", erinnert sich Silvia Neid. Die Zuschauer waren gerührt, das Finale in Osnabrück begann mit Verspätung, weil "noch Tausende vor den Toren standen.", erzählt Neid. Viele mussten umkehren, da half alles Gequetsche nichts. 23 000 Zuschauer bejubelten den Titelgewinn durch das 4:1 gegen Norwegen. Ein ausverkauftes Stadion, Euphorie und La Ola beim Frauenfußball, "ich bekomme immer eine Gänsehaut, wenn ich daran denke", sagt Silvia Neid.

Der Durchbruch war geschafft, immer mehr Mädchen wollten Fußball spielen. 1990 kickten in Deutschland 495 891 Frauen und Mädchen in 2902 Teams, zehn Jahre später waren es 826 787 Fußballerinnen in 6812 Mannschaften. Weltweit spielen rund 20 Millionen Frauen Fußball, bei Mädchen hierzulande ist es die beliebteste Mannschaftssportart. Nicht zuletzt wegen der Erfolge des DFB-Teams, das vier EM-Titel gewann, 1995 Vizeweltmeister wurde und bei Olympia in Sydney Bronze holte.

Seit 1997 existiert eine eingleisige Bundesliga mit zwölf Teams. Der Trend geht zu Großvereinen, die Frauenfußball als Markt entdecken, und reinen Frauenfußballklubs. Mit dem FC Bayern und den Aufsteigern HSV und SC Freiburg sind künftig drei Klubs, die Männer-Bundesligateams haben, in der Ersten Liga vertreten. "Bald wird sich die Spreu vom Weizen trennen", sagt Siegfried Dietrich. Der "Strippenzieher" ("Financial Times") des Frauenfußballs ist Manager des Deutschen Meisters 1. FFC Frankfurt und Bundesliga-Sprecher. Künftig könnten sich nur Klubs durchsetzen, "die ein professionelles Umfeld bieten, das Zuschauer und Medien gerecht ist." Dann kämen auch mehr als 300 Zuschauer im Schnitt. Weg von Wald- und Wiesenplätzen, Hobbyspielerinnen und dem Zustand, "dass zwei Leute alles machen, von der Pressearbeit bis zum Marketing. Das geht nicht, da muss ein Umdenken stattfinden", sagt Dietrich.

"Nationalspielerinnen trainieren täglich, andere Bundesligaspielerinnen nur dreimal pro Woche", bemängelt Neid. Darunter leide das Niveau der Liga. Frankfurt, das bei der EM sechs deutsche Nationalspielerinnen stellt, stand schon zum Ende der Hinrunde als Meister fest. Dietrich fordert statt Aufwandsentschädigungen "Halbprofitum, damit die Liga konkurrenzfähig ist". Und damit nicht zu viele Spielerinnen von der US-Profiliga abgeworben werden, so wie die Ex-Frankfurterin Doris Fitschen. Ab Herbst gibt es den Uefa-Cup mit 32 Meister-Teams, "dadurch wollen wir runter von der regionalen Schiene", sagt Dietrich. Das könnte schon bei der EM gelingen. 200 000 Plakate mit den Gesichtern von Spielerinnen wie Sandra Smisek und Maren Meinert hängen in ganz Deutschland. Die sinnlichen Fotos stammen vom Erotik-Kalender des FCR Duisburg. Der Vorverkauf läuft mittlerweile gut - schöne Frauen ziehen eben auch 19 Jahre nach dem ersten Länderspiel noch.

0 Kommentare

Neuester Kommentar