Frauenfußball : Gäste vom Geliebten Führer bei Turbine Potsdam

Die Fußballerinnen von Turbine Potsdam erlebten eine sportpolitische Überraschung: Zwei Nordkoreanerinnen trainierten eine Woche lang mit.

Benedikt Voigt,Michael Meyer[Potsdam]

Am Freitagmorgen verabschiedete sich Bernd Schröder von den beiden Mädchen, mit denen er sich eine Woche lang „über die Seele verständigt hat“, wie er sagt. Am Flughafen Tegel versuchte der Fußballtrainer des Frauen-Bundesligisten Turbine Potsdam Mi Hyang Kim und Myong Hwa Jon, mimisch zu erklären, dass ihm die letzte Woche viel Freude bereitet hat. Auch von der mitgereisten Trainerin, die wohl eher Aufpasserin war, verabschiedete sich Bernd Schröder. Dann flog das Trio zurück in ein Land, über das man hierzulande wenig Gutes weiß und das der ehemalige US-Präsidenten George Bush zur Achse des Bösen zählte: Nordkorea.

Es ist ein sportpolitisches Ereignis, das sich in Potsdam zugetragen hat. Zwei 15 Jahre alte Nachwuchsfußballerinnen aus Nordkorea haben eine Woche lang bei Turbine Potsdam mittrainiert. „Wir haben ihnen die Sportfamilie Potsdam gezeigt“, berichtet Bernd Schröder. Der Fußballtrainer hofft, dass sich das Gastspiel der beiden U-17-Nationalspielerinnen Nordkoreas sogar verlängert. „Wir würden sie gerne für drei Jahre in unser Fußballinternat aufnehmen“, sagt Bernd Schröder. Doch er weiß, dass das vor allem Nordkoreas Politiker entscheiden.

Dass die beiden Mädchen überhaupt ausreisen durften, ist eine Überraschung. Normalerweise lässt die nordkoreanische Diktatur abgesehen von Sportwettkämpfen nur Diplomaten oder Angehörige hochrangiger Kaderfamilien ins Ausland ziehen. Beobachter gehen davon aus, dass die Entscheidung, die beiden Talente nach Potsdam zu lassen, von allerhöchster Ebene abgesegnet worden ist: Vom Geliebten Führer Kim Jong Il persönlich.

Der Japaner Taejo Yoon hatte das Gastspiel initiiert, der Fifa-Spielevermittler besitzt gute Kontakte zum nordkoreanischen Fußballverband. Diesem war bei den Männern 1966 bei der WM in England mit einem 1:0 über Italien eine Sensation gelungen, inzwischen aber zählen die Frauen zur Weltspitze. Der nordkoreanische Frauenfußball ist eines der wenigen Aushängeschilder, die das Land besitzt. „Das hier in Potsdam ist ein Pilotprojekt“, sagt Taejo Yoon, „wenn es positive Erfahrungen gibt, könnten eventuell weitere Spieler nach Europa kommen.“ Die Nordkoreaner erhoffen sich Fortschritte für ihr Nationalteam.

Fußballerisch konnten Mi Hyang Kim und Myong Hwa Jon in Potsdam überzeugen. „Die haben sich eine Übung, die wir jahrelang machen, ein paar Minuten angesehen, und schon hatten sie es verstanden“, sagt Bernd Schröder. Man habe gemerkt, dass die beiden U-17-Weltmeisterinnen Nordkoreas sehr gut trainiert seien. „Sie haben kein Gramm Fett zu viel“, sagt Bernd Schröder. Das kann man auch missverstehen: In Nordkorea gibt es oft Versorgungsschwierigkeiten, in den Neunzigerjahren raffte eine Hungersnot rund zehn Prozent der Bevölkerung dahin. Doch als Nationalspielerinnen zählen Mi Hyang Kim und Myong Hwa Jon zu den Priviligierten im Land, die ausreichend versorgt werden. „Ihre Eltern durften mit ihnen in die Hauptstadt Pjöngjang ziehen“, sagt Bernd Schröder.

Der Fußballtrainer hofft, dass die Nordkoreanerinnen im August zurückkehren können. Der Nutzen für Turbine sei eher gering, man wisse nicht, wie sich die beiden Mädchen entwickeln. Doch es gibt ein übergeordnetes Ziel, sagt Schröder. „Wir wollen zeigen, dass es Menschen gibt auf dieser Welt, die nicht nur das Geld sehen, sondern die jungen Menschen im Leben helfen wollen.“ Und ganz unpolitisch ist das Potsdamer Engagement auch nicht. „Veränderung beginnt im Kleinen“, sagt Bernd Schröder. Als ehemaliger DDR-Bürger weiß er das nur zu genau.

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