Frauenfußball : Weltmeister im Zweitberuf

Der Dokumentarfilm über den WM-Sieg der deutschen Fußballerinnen zeigt die Unterschiede zu Löws Team.

Daniel Meuren
Angerer
Die Tat zum Titel. Nadine Angerer wehrt Martas Elfmeter ab. -Foto: ddp

Frankfurt am MainMelanie Behringer hatte es nach dem Happy End ziemlich eilig. Schnell beantwortete die Mittelfeldspielerin des deutschen Fußball-Weltmeisterteams nach der Vorabpremiere vor dem Kinosaal noch zwei oder drei Fragen zum Dokumentarfilm über den Siegeszug der deutschen Frauen bei der Weltmeisterschaft in China. Dann machte sie sich auch schon wieder auf den Heimweg. Drei Stunden Fahrt von Frankfurt am Main nach Freiburg standen ihr noch bevor. Am folgenden Morgen musste sie wieder an ihrem Arbeitsplatz in einer Druckerei zum Dienst antreten. So sieht der Alltag einer Fußball-Nationalspielerin aus, die ihr Hobby eben nicht wie die männlichen Kollegen zum alleinigen Beruf machen kann, sondern höchstens zum Zweitberuf neben einer ganz normalen Tätigkeit.

Damit ist eigentlich schon recht viel gesagt zu den riesigen Unterschieden zwischen den beiden kickenden Geschlechtern. Der Dokumentarfilm „Die besten Frauen der Welt” (ARD, 2. Januar, 18 Uhr), für dessen Dreharbeiten die Filmemacherin Britta Becker die Nationalmannschaft in der Vorbereitung auf die WM und während des Turniers aus nächster Nähe beobachten durfte, bringt aber noch viel mehr Licht in den noch dunklen Teil der Frauenfußballwelt. „Ich glaube, dass der Film deutlich gemacht hat, was Fußballerinnen so leisten”, sagte Steffi Jones, die soeben vom Spielfeld auf den Chefsessel des Organisationskomitees der WM 2011 gewechselte Ex-Nationalspielerin. Schon im März hatte sie ihre Nationalmannschaftskarriere beendet. „In einigen Szenen hatte ich außerdem richtig Gänsehaut“, sagte sie. Das dürften vor allem die Szenen gewesen sein, in denen die Regisseurin Britta Becker so nah am Team dran ist, wie es Sönke Wortmann bei den männlichen Kickern nie sein durfte. So verrät Kerstin Garefrekes beispielsweise, als sie nervös beim Frühstück mit dem Besteck spielt, von ihrer Angst vor dem Viertelfinale gegen die Nordkoreanerinnen. Ausgerechnet Garefrekes selbst vertreibt diese Angst wenige Filmsequenzen später durch ihren Sololauf zum Führungstor.

Ein Bewerbungsvideo ist der Film unterdessen vor allem für Bundestrainerin Silvia Neid. Wenn es doch noch Chauvinisten gibt, die grundsätzliche Zweifel an der Befähigung einer Frau zum Trainerjob im Fußball haben, dann dürften die fortan widerlegt sein. Neid treibt ihre Mannschaft im Turnierverlauf mit ihren Ansprachen von Spiel zu Spiel dem Leistungsoptimum entgegen und formt ein Team, in dem jede für jede kämpft. Während sie vor dem Eröffnungsspiel noch so weiche Formulierungen verwendet wie „Das Passspiel ist die Seele des Fußballspiels“, so greift sie gegen Turnierende zu einer Rhetorik, die an den Motivationstrainer Jürgen Klinsmann erinnert. Neid kitzelt, ohne freilich jemals ihre weibliche Aura durch allzu männliche Derbheit zu verlieren, die Aggressivität aus ihren Spielerinnen hervor. Dies wiederum belegt Becker mit toller Bildauswahl. „Es kommt richtig gut rüber, warum Silvia Neid so eine gute Trainerin ist”, sagt Spielmacherin Renate Lingor.

Weil solche Informationen spannend genug sind, muss die Regisseurin anders als Wortmann in seinem Sommermärchen keine Fabel aus dem Reich der qua Kontostand und öffentlicher Wahrnehmung realitätsentrückten Schweinsteigers oder Podolskis erzählen. Sie dokumentiert stattdessen ganz simpel die Realität der schönsten Wochen eines Frauenfußballerlebens, das eben nicht aus Millioneneinnahmen besteht, sondern aus Bodenhaftung selbst im Moment des größten Triumphs. All das fasst Linda Bresonik, immerhin liiert mit dem seit Ewigkeiten nur mit dem Spiel beschäftigten Ex-Profi und Fußballtrainer Holger Fach, in dem großartigen, den Unterschied zum männlichen Profifußballerdasein skizzierenden Satz zusammen: „Den ganzen Tag Fußball? Da wird man ja blöd von.“

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