"Frauenversteher" Andy Murray : „Dann bin ich eben Feminist“

Mit Amelie Mauresmo spielt Andy Murray stark wie nie – dennoch muss er seine Trainerin verteidigen.

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Immer im Hintergrund. Weil sie Mauresmo nicht im Team akzeptierten, trennte sich Andy Murray sogar von seinem Assistenz- und seinem Fitnesstrainer. Foto: AFP
Immer im Hintergrund. Weil sie Mauresmo nicht im Team akzeptierten, trennte sich Andy Murray sogar von seinem Assistenz- und...Foto: AFP

Umkleideräume gelten immer noch als die letzte Macho-Bastion, in der Political Correctness nicht existiert und stattdessen das Testosteron regiert. Hier ist Mann noch Mann, zumindest herrscht der Glaube daran. Doch Andy Murray weiß, dass in diesem Mythos auch noch manches Wahre steckt. Das hat er selbst zu spüren bekommen. Und der 28 Jahre alte Schotte musste sich viel anhören in den Umkleiden der Tennis-Tour, monatelang war er Ziel von Spott und dummen Sprüchen. Schließlich hatte Murray vor einem Jahr Amelie Mauresmo als Trainerin verpflichtet, damit war er als Frauenversteher abgestempelt. Und als Feminist.

Noch nie hatte ein Grand-Slam-Champion einen weiblichen Coach verpflichtet. „Viele machten blöde Kommentare und lachten über mich“, erinnert sich Murray, „manche hielten es für einen Scherz. Aber das hat mich nur noch mehr motiviert, mit Amelie zu arbeiten.“ Doch es ging Murray nicht um Pionierarbeit, er war schlicht von der Französin überzeugt. Und der Schotte hatte von klein auf starke und enge Bindungen zu Frauen, seine Mutter Judy wurde seine erste Trainerin und ist bis heute eine wichtige Ratgeberin. Zu seinen Großmüttern bestand von jeher ein enges Verhältnis. „Es fällt mir einfach leichter, mit Frauen zu sprechen und mich zu öffnen“, sagte Murray. Und Mauresmo ist eine gute Zuhörerin. Das reichte dem Weltranglistendritten jedoch nicht. „Ich gehe zum Psychiater“, offenbarte Murray der „Sunday Times“. Vor weiterem Hohn in der Umkleide hat er keine Angst, vielmehr weiß der Schotte, dass er in den vergangenen Monaten alles dafür getan hat, um erwachsener, ausgeglichener und siegesbereiter zu sein. Und so startet er heute gegen den Kasachen Michail Kukuschkin in seine 10. Wimbledon-Mission. Und nie war er in besserer Verfassung.

Murray hatte während seiner Karriere immer wieder Sport-Psychologen in Anspruch genommen. Doch hilfreich sei das nur bedingt gewesen. Es reichte ihm irgendwann auch nicht mehr, dass ihm jemand erklärte, wie man bis zehn zählt, um sich zu beruhigen. Murray brauchte viel mehr, denn seit der Trennung von Trainer Ivan Lendl im Frühjahr 2014 waren seine unflätigen Ausbrüche auf dem Platz wieder zurückgekehrt. Dass ihn der Mann, der ihm zu seinen ersten beiden Grand-Slam-Titeln verholfen hatte, unerwartet hängen ließ, hatte Murray getroffen. Zudem fiel es ihm schwer, nach seiner Rückenoperation wieder den Anschluss zu finden. „Ich hatte schon befürchtet, dass ich nie wieder zu den Besten gehören könnte“, erinnert sich Murray. In dieser Situation war Mauresmo die richtige Stütze.

Murrays neue innere Stärke

Zusätzlich besuchte er einen Psychiater. Und das nicht, weil er sich Tricks erwartete, mit denen er die Gegner überrumpeln konnte. „Ich verstehe mich jetzt einfach besser“, glaubt er, „und je besser ich mich selbst verstehe, umso mehr hilft mir das auch vor großen Matches.“

In dieser Saison ist diese neue innere Stärke schon öfter zum Vorschein gekommen. Erstmals gewann er zwei Titel auf dem sonst so ungeliebten Sand und siegte auch beim Vorbereitungsturnier im Londoner Queen's Club mit einer beeindruckenden Dynamik, Konstanz und Gewitztheit. Besser schien Murray nicht mal bei seinem Wimbledonsieg vor zwei Jahren in Form gewesen zu sein. Und doch hatte es immer wieder harsche Kritik an Mauresmo gegeben. „Ich war erstaunt, dass sie für jede Niederlage persönlich verantwortlich gemacht wurde“, ärgerte sich Murray, „wäre sie ein Mann, der zwei Grand-Slam-Titel hat und die Nummer eins war, hätte niemand etwas gesagt.“

Respektlosigkeit will er nicht hinnehmen

Murray wird dazu grundsätzlich: „Ich bin dafür, dass alle gleich sind. Und wenn mich das zum Feministen macht, dann bin ich einer.“ Das Gerede in der Umkleide habe ihm die Augen geöffnet, Respektlosigkeit und Benachteiligung wolle er nicht hinnehmen. Schon gar nicht in seinem Team. Sein langjähriger Assistenztrainer Dani Vallverdu und Fitnesscoach Jez Green mussten gehen, sie wollten Mauresmo nicht akzeptieren. Dass Murray kürzlich zusätzlich den schwedischen Ex-Profi Jonas Björkman engagierte, lag einzig daran, dass Mauresmo im August ein Kind erwartet. Auch in Wimbledon verstärkt Björkman das Team. „Ich wollte auf keinen Fall, dass Amelie hier alleine dabei ist“, sagte Murray, „man weiß ja nie, was passieren kann.“

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