Sport : Frei im Strafraum

Das sonst so verschlossene Nordkorea zeigt sich in der Abwehr sehr offen – Portugal bedankt sich mit einem Torfestival und gewinnt 7:0

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Was wird der Geliebte Führer sagen? Das Nordkorea von Kim-Jong Il schottet sich so intensiv nach außen ab, wie es kein anderes Land auf der Welt tut. Aber der Strafraum der Nationalmannschaft war am Montag bei der Weltmeisterschaft in Südafrika so offen wie sonst nur der verregnete Himmel über dem Green-Point-Stadion von Kapstadt. Portugal nutzte die im internationalen Maßstab ungewohnten Freiheiten zu einem 7:0 (1:0)-Sieg, dem höchsten bei einer WM seit dem deutschen 8:0 vor acht Jahren gegen Saudi-Arabien.

„Schöner Fußball, schöne Tore. Das war ein großer Tag für den portugiesischen Fußball und Portugal“, sagte Trainer Carlos Queiroz. Auch Cristiano Ronaldo schoss ein Tor, als ihm der Ball über den Nacken und Kopf auf den Fuß rollte. „Das war schon lustig“, fand der Weltstar von Real Madrid, „aber Tor ist Tor.“ Es war sein erstes in der Nationalmannschaft nach 14 erfolglosen Monaten. Zum Einzug ins Achtelfinale reicht den Portugiesen im letzten Spiel der Gruppe H am Freitag in Durban gegen die bereits qualifizierten Brasilianer schon ein Unentschieden, angesichts der Tordifferenz aber dürfte auch bei einer knappen Niederlage nichts mehr passieren.

Für die Nordkoreaner ist die WM dagegen schon vor dem letzten Spiel gegen die Elfenbeinküste beendet. „Das war mein Fehler“, sagte Trainer Kim Jong-Hun. „Die Spieler waren gut, aber ich habe die falsche Strategie gewählt.“ Zur Naivität des Trainers, der wohl dachte, er könnte die konterstarken Portugiesen überrennen, kamen individuelle Fehlleistungen. Torhüter Ri Myong-Guk, wie seine Feldspieler-Kollegen nicht eben von gewaltiger Statur, sprang schon nach ein paar Minuten in vollendeter Schönheit an Simaos Eckball vorbei. Ricardo Carvalho traf per Kopf nur den Pfosten. Auch beim portugiesischen 1:0, erzielt nach einer halben Stunde von Raul Meireles, sah der Torhüter so gut nicht aus. Nach Tiagos Pass lief er erst zu spät heraus und plumpste dann mehr vor die Beine des Schützen, als dass er sich ihm entgegen warf.

Bis dahin hatte sich der Außenseiter sogar zwei, drei ganz gute Torchancen erspielt. In der zweiten Halbzeit aber brach das fragile Gebäude des nordkoreanischen Spiels völlig zusammen – was allerdings auch daran lag, dass die Portugiesen sich zu einer bemerkenswerten Leistung steigerten. Hugo Almeida verpasste zu Beginn der zweiten Halbzeit noch knapp das 2:0, aber das Versäumte holte Simao schnell nach. Nach der schönsten Kombination des Tages über Ronaldo und Meireles schob er den Ball durch die Beine des Torhüters, und kurz darauf war auch Almeida dran, als er im Strafraum so frei zum Kopfball kam, wie ihm das in der Bundesliga bei Werder Bremen selten passiert. Das vierte Tor schließlich war das erste, bei dem Cristiano Ronaldo den Fuß im Spiel hatte. Seinen Pass drückte der ebenfalls völlig unbehelligte Tiago aus Nahdistanz über die Linie. Liedson, Ronaldo und abermals Tiago setzten das fröhliche Scheibenschießen fort, bis der Schlusspfiff die armen Nordkoreaner endlich erlöste.

Ob der Geliebte Führer nun ähnlich reagiert wie 1966? Damals hatte Nordkorea bei der WM in England gegen Portugal eine 3:0-Führung noch verspielt und 3:5 verloren. Anschließend soll sich die gesamte Mannschaft im Arbeitslager wiedergefunden haben.

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