Sport : Freiburg - Hertha: Alle stehen gelassen

Ralf Mittmann

Mannomann, dieser Deisler! Die Woche zuvor bei der Pleite gegen Borussia Dortmund war der Jungstar nach 60 Minuten fix und fertig gewesen, platt wie eine Flunder, ausgelaugt vom selbst angeschlagenen hohen, wohl zu hohen Tempo. Am Sonnabend in Freiburg dagegen hatte der 21-Jährige sogar eine halbe Stunde nach dem Schlusspfiff noch Luft für einen kurzen, kräftigen Sprint. Antreten, durchziehen, schon war der Mannschaftsbus erreicht und ihm die Ruhe gewiss, die er haben wollte.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Der eilige Abgang aus den Katakomben des Dreisamstadions war von kurzer Hand geplant, und er war clever. Sebastian Deisler hatte wie so oft keine Lust auf die Fragen, die ihm mit nervender Sicherheit gestellt worden wären. Wie etwa diese: Ob er sich wohler gefühlt habe ohne den für seine Nationalmannschaft abgestellten Brasilianer Marcelinho, ob er sich besser habe entfalten können, wenn er alleine die zentrale Rolle im Mittelfeld innehat, ob sich für ihn ein Spiel leichter, effizienter, wirkungsvoller gestalten lasse, wenn er die Rolle des Ideengebers nicht mit dem selbstbewussten Brasilianer teilen muss. Auf derlei Fragen hatte Deisler null Bock, und vermutlich wollte er auch nicht Stellung nehmen zu dem Thema, über das im Presseraum der Arena Manager und Trainer der Hertha mit Journalisten diskutierten. Dieter Hoeneß und Jürgen Röber berichteten von Gesprächen mit Deisler nach dem Spiel gegen Borussia Dortmund, in denen sie dem jungen Nationalspieler klarzumachen versucht hätten, dass er seine Kräfte besser einzuteilen habe. "Es ist wichtig", sagte Röber, "dass Basti begreift, nicht bei jedem Angriff dabei sein zu müssen." Manager Hoeneß sprach vom "bekehrten Energiebündel" und lobte Deisler: "Er hat ideal umgesetzt, was wir mit ihm besprochen hatten und diesmal seine Kräfte richtig eingeteilt. Das war mitentscheidend für unseren Erfolg."

Mitentscheidend ist gut. Entscheidend wäre besser gewesen. Deisler war es, der bis zu seiner Auswechslung beim Stand von 3:0 in der 77. Minute jederzeit die Fäden des Hertha-Spiels spann. Den an Alex Alves verursachten Elfmeter vollstreckte er problemlos, beim 2:0 zeigte er, was einen Ausnahmefußballer ausmacht. Preetz hatte gerade eine hundertprozentige Chance ausgelassen, der Abpraller landete am linken Strafraumeck bei Deisler, Berliner wie Freiburger schienen allesamt durchzuatmen nach der spannenden Situation vor Freiburgs Torhüter Richard Golz. Nicht so Deisler. Der jonglierte sich den Ball vom starken rechten auf den schwächeren linken Fuß, ließ dabei mit Tempo und Geschmeidigkeit in seinen Bewegungen seinen Gegenspieler Tobias Willi alt aussehen und beförderte den Ball dann mit Vehemenz am perplexen Golz vorbei ins Tor. Zum ersten Mal in seiner fast drei Jahre währenden Profikarriere hatte Deisler zwei Tore in einem Bundesligaspiel erzielt. Freiburgs Torwart merkte später lediglich an: "Das Ding habe ich gar nicht gesehen." Und sein Trainer Volker Finke sagte: "Deislers zweites Tor kurz vor dem Wechsel war psychologisch dramatisch für uns."

Auch am dritten Treffer, der den Freiburgern endgültig den Glauben an einen erfolgreichen Nachmittag raubte, war Deisler beteiligt, nach einem schnellen Konter legte er dem Kollegen Bart Goor den Ball maßgerecht auf. Dass der Belgier den Ball nicht richtig traf, blieb folgenlos, denn Michael Preetz stand richtig und schnippelte sich den Ball vom linken gegen den rechten Fuß, so dass er über den verdutzten Golz ins Freiburger Tor flog.

Trotz seiner außerordentlichen Leistung hatte Deisler nach dem Duschen wenig Lust auf bohrende Fragen. Zwei Sätze ließ er noch über die Lippen, ehe er zum befreienden Sprint ansetzte. "Ich habe versucht, so wie immer zu spielen", sagte der Matchwinner auf eine erste Bekehrungsfrage, und außerdem sei es "halt so, dass ich jeden Ball haben möchte". Als dann der Name Marcelinho fiel, war Deisler schon entkommen. Gut erkannt, gut gehandelt, clever. Und das mit immer noch nur 21 Jahren. Respekt.

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