Sport : Freier Platz in der Showtruppe

Bei der Leichtathletik-WM fehlen die Selbstdarsteller im Sprint – für Olympiasieger Gatlin eine Chance

Frank Bachner

Berlin - Wahrscheinlich haben sie sich in Pensacola, Florida, wieder etwas Besonderes ausgedacht. Dort verehren sie Justin Gatlin geradezu. 2004 wurde Gatlin Olympiasieger über 100 Meter, und die lokale Zeitung ließ anschließend T-Shirts drucken mit Artikeln über den Goldlauf. Vorder- und Rückseite waren voll. Gatlin wohnt zwar seit 2002 in Raleigh, North-Carolina, aber in Pensacola ging er zur High School. Und jetzt kann der 24-Jährige wieder Gold gewinnen, diesmal bei den Weltmeisterschaften in Helsinki, die am Samstag beginnen.

Diese Titelkämpfe sind eine Chance für ihn. Der Olympiasieger kann sein Image verbessern. Er gehört zu den Stars der Sprint-Szene, nur fällt das bisher außerhalb von Pensacola kaum auf. Die Geschichten in den Medien drehen sich um andere Sprinter. Um Maurice Greene, den mehrmaligen Weltmeister und Ex-Weltrekordler, um Tim Montgomery, der mit 9,78 Sekunden ebenfalls Weltrekord lief und nun im Dopingsumpf zu versinken droht, und um Asafa Powell, den Jamaikaner, der am 14. Juni Montgomerys Weltrekord auf 9,77 Sekunden verbesserte. Sie alle fehlen in Helsinki im 100-Meter-Einzelrennen. Für Fans, Sponsoren und Medien ist das hart. Die 100 Meter, das ist immer der Kampf der Giganten. Großmaul gegen Großmaul, ein Duell der Selbstdarsteller. Der Mythos des 100-Meter-Laufs speiste sich aus den inszenierten Shows im Kampf um den Titel: schnellster Mann der Welt. Diese Show verliert jetzt an Glanz.

So rückt Gatlin medial in die Reihe, in der er sportlich schon lange steht: ganz vorne. Er hat Powell am 4. Juni knapp besiegt, er hat ihn bei Olympia besiegt, er ist Olympiasieger, er lief in dieser Saison schon 9,89 Sekunden. Aber bei den großen Meetings 2005 kassiert er weniger als Greene. „Maurice Greene liegt in der Preisklasse zwischen 50000 und 100000 Dollar“, sagt Gerhard Janetzky, Chef des Golden-League-Meetings Istaf in Berlin. „Gatlin dürfte auf rund 40000 Dollar kommen.“ Greene fehlt jetzt in Helsinki. „Aber er ist eine Persönlichkeit, er sorgt für die Show“, sagt Janetzky. Beim Meeting in Rom kassierte der verletzte Greene rund 10000 Dollar, nur um auf der Tribüne Autogramme zu schreiben.

Sprinter wie Gatlin oder auch sein Landsmann, 200-Meter-Olympiasieger Shawn Crawford, sind angewiesen auf die Ausfälle der anderen. Nur so können sie ihren Stellenwert vergrößern. Oder natürlich, wenn sie mehrfach wichtige Titel gewinnen. „Asafa ist ein legendärer Gegner für den Rest meiner Karriere“, hatte Gatlin im Frühjahr gesagt. Der Satz ging unter. Gatlin weiß, dass er Chancen wie die WM braucht, um weit mehr zu sein als ein lokaler Held. „Ich will nicht Olympiasieger sein und danach nichts Bedeutendes mehr leisten“, sagte er US-Journalisten. Bedeutend wäre der WM-Sieg.

Auch Crawford kann in Helsinki aus dem Schatten der anderen laufen. Über 100 Meter hat er bei den Spielen von Athen nur Platz vier belegt. Crawfords aktuelle Saisonbestzeit über diese Distanz steht bei 9,99 Sekunden. Damit hätte er gegen einen gesunden Powell keine Chance. Trotzdem lohnt sich das Interesse an ihm, er hat eine schöne Geschichte zu erzählen. Die von seinem bisher ungewöhnlichsten Auftritt. Im Januar 2003 rannte er bei der TV-Show „Mensch gegen Tier“. Die Giraffe und das Zebra waren schneller.

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