Sport : Freigeschwommen

Stev Theloke hat seine persönliche Krise überwunden – und will es jetzt allen Kritikern zeigen

Frank Bachner

Berlin - Auf einem Foto sieht Stev Theloke aus wie ein Chirurg. Er trägt eine grüne Kopfhaube und einen grünen Anzug, so wie Ärzte im Operationssaal, und in der Hand hält er Sydney Scott, eine halbe Stunde alt. Sydney Scott Theloke und sein Vater sind im Kreißsaal eines Chemnitzer Krankenhauses, der Vater strahlt in die Kamera. Das Foto ist jetzt drei Wochen alt, sein Vater betrachtet es seither „täglich hundertmal“. Alle anderen Fotos von Sydney Scott auch. Stev Theloke ist stolz, dass die Plastikfolie, in denen die Bilder stecken, völlig zerknittert ist. „So oft ziehe ich die Fotos raus.“

Sydney Scott ist nicht der einzige Grund, dass es Stev Theloke als Topschwimmer noch gibt und im Mai sogar Europameister über 50 m Rücken wurde. Aber Sydney Scott ist bestimmt der wichtigste Grund. „Das Lebensgefühl kommt zurück. Ich habe wieder Spaß am Training“, sagt Theloke. Dann erzählt er, wie das jetzt läuft mit dem Training. „Ich schaue, dass ich möglichst schnell fertig bin und schnell wieder bei meinem Kind bin.“ Die Sache ist nur: Theloke wohnt in Berlin, seine Freundin und sein Kind aber wohnen in Chemnitz. Er hat zu Hause nur die Fotos. Und die Fantasie. In der Fantasie hält er sein Kind in den Armen. Nur an Wochenenden wirklich.

Das zeigt, wie stark Theloke an seinem Kind hängt, einerseits. Es zeigt aber auch, dass Theloke eine ganz besondere Wahrnehmung besitzt. Er hat ein „fürchterliches Jahr“ hinter sich, er fühlte sich „ausgebrannt wie der Skispringer Hannawald“, aber diese Krise hat auch damit zu tun, dass Theloke aus einer ziemlich weichen Welt fiel und ziemlich hart gelandet ist. „Jahrelang hat man ihn auf Schultern getragen. Man hat viele Baustellen für ihn weggeräumt“, sagt Ralf Beckmann, der Chefbundestrainer. „Dass er mal zurückstecken musste, war neu für ihn.“

Die Krise des Stev Theloke hat vor einem Jahr angefangen. Sie begann damit, dass er sich nach 14 Jahren von seiner Trainerin Ute Schinkitz trennte und Respekt vor seiner Entscheidung erwartete. Aber er hatte die Bedeutung seiner Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen 2000 über 100 m Rücken und seiner weiteren Medaillen überschätzt. In Chemnutz sagten sie, er lasse seine Trainerin im Stich. Sein Verein strich ihm Gelder, und Beckmann wollte dem Sportsoldaten Theloke Feldjäger schicken, weil er nicht zur deutschen Meisterschaft auftauchte. „Er hat als Soldat Regeln einzuhalten“, sagte Beckmann. Theloke war „am Boden zerstört“, konnte nicht mehr zwischen Häme und sachlicher Kritik unterscheiden, und stand zweimal kurz vor dem Karriereende. „Beate Ludewig hat mich aufgefangen“, sagt er. Beate Ludewig, die Berliner Trainerin mit den feinen Antennen für Probleme. Erst schrieb sie ihm nur Trainingspläne, dann holte sie den 26-Jährigen im Januar dauerhaft nach Berlin. Einmal erkannte sie wortlos, dass Theloke Heimweh hatte. „Hau ab nach Hause!“, sagte sie bloß. Zwei Tage später hatte er „Heimweh nach Berlin“.

Inzwischen erdrückt den 26-Jährigen nicht mehr das Gefühl, „ich muss schwimmen, weil ich Geld verdienen muss. Dieser Druck war zuletzt ganz schlimm.“ Wieder eine Frage der Wahrnehmung. Natürlich muss er auch jetzt Geld verdienen, mehr als früher sogar. Er hat jetzt eine Familie. „Stimmt schon, trotzdem: Ich fühle mich befreiter.“ Der Mensch Theloke hat Freunde und Gegner erkannt. Einen engen Frend hat er in der Krise verloren. Aber dafür weiß er jetzt, auf wen er sich verlassen kann.

Der Sportler Theloke wurde gestern Deutscher Meister über die nichtolympischen 50 m Rücken in 25,43 Sekunden. „Ich will allen Kritikern beweisen, dass ich noch schnell schwimmen kann. Das war der Anfang“, sagte er. Für Montag ist Teil 2 der Abrechnung geplant, über 100 m Rücken, seine Hauptstrecke. Und wenn’s klappt mit Athen? Überschäumende Freude oder doch vor allem tiefe Genugtuung? Eher ein Problem. „Dann sehe ich wochenlang mein Kind nicht.“ Es klingt nicht bloß wie ein kleiner Spaß.

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