Sport : Freiheit durch Tore

Im Sport zeigt Irans Volk, dass es den erzkonservativen Führern voraus ist

Birgit Cerha[Teheran]

Die Szenen bleiben unvergessen. Die Menschen stürmten jubelnd in die Straßen, Frauen drangen durch das ihnen seit der Revolution versperrte Tor des Asadi-Stadions, rissen sich die Tücher von den Köpfen (ein schweres Delikt im Gottesstaat), sangen und tanzten. Viele der vor Überraschung ohnmächtig dem Spektakel zusehenden Sicherheitskräfte schlossen sich dem Jubel an, und manche ließen sich von den Frauen mitreißen. Gerade hatte die Fußball-Nationalmannschaft Irans im Juni 1998 die Vereinigten Staaten 2:1 besiegt, und doch fehlte diesen Freudenkundgebungen jeglicher Anti-Amerikanismus, den das Regime seinen Untertanen seit 1979 eintrichtert.

Damals zeigte sich das erste Mal, dass das iranische Volk politisch seinen erzkonservativen Führer weit voraus ist. Das Spiel gegen die USA betrachtete man als Zeichen der Freundschaft und die Tatsache, dass der Iran gesiegt hatte, als Beweis dafür, dass der geächtete Staat wieder zu internationaler Würde gelangen könnte. Wenn heute die deutsche Nationalmannschaft vor mehr als 100 000 Zuschauern im Asadi-Stadion von Teheran gegen Iran kickt (18 Uhr, live im ZDF), hat das Ereignis auch eine politische Bedeutung. 1998 hatte vor allem die Jugend auf die Reformen von Präsident Chatami gehofft. Von dieser Hoffnung ist nach dem gescheiterten Reformprozess nun nichts mehr übrig.

Sport nimmt auch in der Einschätzung der politischen Führer des „Gottesstaates“ traditionell einen hohen Rang ein. Nach islamistischer Ideologie lässt sich Religion weder von Politik trennen, noch vom öffentlichen und privaten Leben und auch nicht vom Sport. Sie alle bilden eine Einheit. Deshalb vermögen die konservativen Kräfte in der Teheraner Führung auch nicht an die olympische Idee zu glauben. Dies bekam Arash Mir-Esmaili, der iranische Judo-Champion bei den Olympischen Spielen in Athen zu spüren, als er sich aus dem Auftaktkampf zurückziehen sollte, nur weil sein Gegner Ehud Vaks aus Israel stammte. Für einen solch „heroischen und mutigen Protest gegen (die israelische) Besatzung“ und Unterdrückung der Palästinenser (so Präsident Chatami) verlieh ihm die Islamische Republik eine Prämie von 120 000 Dollar. Schon 1995 verzichtete der Ringer Amir Reza Khadem auf einen sicheren Sieg gegen seinen türkischen Gegner, damit er anschließend nicht gegen einen israelischen Konkurrenten antreten musste.

Der Missbrauch von Sportlern durch die Politik geht auf vor-revolutionäre Zeiten zurück. 1967 wurde der berühmte Ringer und Olympiasieger Gholam Reza Takhti vom Geheimdienst des Schahs ermordet, weil er zu populär geworden war. Seit ihren Anfängen hat die Islamische Republik den Sport für eigene Wertvorstellungen instrumentalisiert. Insbesondere seit den Neunzigerjahren hofft Irans Führung, auch mit Hilfe des Sports, Spannungen unter den Massen arbeitsloser Jugendlicher zu zerstreuen. Bis zur überraschenden Wahl Präsident Chatamis 1997 stand der Sport jedenfalls, Fußball ebenso wie andere Disziplinen, strikt unter der Knute der geistlichen Politiker, die Sportler und Trainer weniger nach ihrer Befähigung, als nach ihrer ideologisch-islamischen Treue auswählten. Der Durchbruch kam, als unter dem wachsenden Einfluss der Reformer erstmals ein Ausländer, der Brasilianer Valdeir Viera, zum Trainer der Nationalmannschaft bestellt wurde und sich der Iran nach 20 Jahren wieder für die Fußball-Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich qualifizierte. Die Berufung Vieras wertete ein großer Teil der Iraner als symbolischen Beginn der Öffnung ihres isolierten Landes, nach der sie sich so sehr sehnten. Die überschwängliche Freude nach dem Sieg über die USA bei der WM war Ausdruck dieser Sehnsucht.

Nun, da die Tage von Chatami als Präsident wohl gezählt sind, ist vor allem die iranische Jugend in tiefe Apathie verfallen. Fußball oder andere Sportarten bieten kaum noch den Anlass für politische Kundgebungen. Doch sie eröffnen eine der wenigen Möglichkeiten, sich unter diesem rigorosen Regime zu erfreuen, sich in der Menge zu treffen, zu behaupten und auch öffentlich Meinungen auszudrücken. Sportmagazine mit ihrer Darstellung von Ersatzfreiheiten dominieren die Zeitungskioske und haben sich zu jenen Publikationen entwickelt die heute die höchsten Profite versprechen. So wurde der sich nach Freiheit sehnende Iran zu einer sportfanatischen Republik. Deshalb hat Bundestrainer Jürgen Klinsmann Recht, wenn er sagt, es erwarte „die Nationalmannschaft etwas ganz Ungewöhnliches“.

Dass Jürgen Klinsmann in der Vorrunde der WM 1998 bei dem ersten deutschen Tor gegen Iran in „verletzende Jubelrufe“ verfiel, haben ihm die iranischen Medien wohl verziehen . Beeindruckt zeigen sich die Iraner vor allem aber von dem sozialen Engagement des Bundestrainers, der bei seiner Reise in den Iran die immer noch schwer mitgenommenen Opfer des katastrophalen Erdbebens im südostiranischen Bam vom Dezember 2003 nicht vergisst. Ein Großteil der Spielerbezüge – eine Million Euro – werden in der Halbzeit-Pause den Iranern als Wiederaufbauhilfe überreicht. Aber nicht nur Klinsmann ist populär, der Bundesliga-Fußball wird in Iran genau verfolgt. cebi

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