Sport : Freiwillig klettern

Jörg Petrasch

Nach der Schule oder Ausbildung kam, was kommen musste: Bund oder Zivildienst für die Männer. Und für besonders engagierte Frauen manchmal ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im pflegerischen oder karitativen Bereich. Jungs machten so etwas eigentlich nie. Zumindest nicht zusätzlich. Das könnte sich jetzt jedoch ändern. Michael Theinert zum Beispiel verbringt einige Zeit seines FSJ an einer Kletterwand oder auf einer Brücke. Von dort seilt er dann ganze Schulklassen aus über 10 Meter Höhe ab. Der 22-Jährige zählt zu den sieben Freiwilligen, die seit September in Berlin an dem Modellprojekt "FSJ im Sport" teilnehmen. Für Theinert, der in der Bildungsstätte der Sportjugend Berlin arbeitet, war die Ausweitung des Freiwilligendienstes auf den Sport wichtig, "sonst hätte ich es nicht gemacht". Der gelernte Industriekaufmann war vorher arbeitslos. Dieses Jahr sieht er als eine Art Praktikum, das ihm ein neues Berufsfeld eröffnen soll: "Ich will etwas lernen und eventuell in dem Bereich weitermachen."

Für Yanin Mahlitz hat es sich schon ausgezahlt. Die 19-Jährige arbeitet beim Kinder-und-Jugend-Reit-und-Fahrverein Zehlendorf. Dort betreut sie Reitanfänger ab drei Jahren und kümmert sich um das Wohl der Pferde. Danach will sie Pferdewirtin werden. Das freiwillige Jahr kann sie sich dann auf die dreijährige Ausbildung anrechnen lassen. Und einen Ausbildungsplatz hat sie schon sicher - durch die Kontakte im Verein. "Eine richtige Erfolgsgeschichte", freut sich Heiner Brandi, zuständiger Jugendreferent beim Landessportbund Berlin.

Möglich wurde das auf drei Jahre angelegte Modellprojekt durch eine Verordnungsänderung des Bundesjugendministeriums, das den freiwilligen Dienst auf den kulturellen Bereich und den Kinder- und Jugendsport ausweitete. "Die Anstöße kamen von der Sportjugend", sagt Brandi, "wir haben uns schon lange darum bemüht." Und endlich hat es geklappt. Das Ministerium bewilligte der Deutschen Sportjugend als Organisator bundesweit 100 Einsatzstellen und fördert sie mit jeweils 300 DM. Die Sportjugend schießt noch mal 150 DM dazu. Den größten Anteil aber müssen die Vereine selbst aufbringen, sie zahlen 500 DM pro Freiwilligem. Und das, sagt Brandi, könnten sich die kleineren Sportvereine nicht leisten. Ein Grund dafür, warum von den anfangs 26 interessierten Sportvereinen in Berlin letztlich nur sechs für das Modellprojekt zur Verfügung standen, darunter beispielsweise der Ruder-Club Welle Poseidon, der Postsportverein Berlin und der Sport-Club Siemensstadt. Die bekommen im Gegenzug für ihr Geld motivierte und bald auch pädagogisch ausgebildete Mitarbeiter. Denn Bestandteil des FSJ im Sport ist der Erwerb der Übungsleiterlizenz für Breiten- und Jugendsport an der Landessportschule Berlin. Die FSJler dagegen erhalten für ihre Arbeit ein Taschengeld und eine Verpflegungspauschale von jeweils 300 DM im Monat.

Die Freiwilligendienste sollen außerdem über das Modellprojekt hinaus weiter ausgebaut werden. Vom 1. August 2002 an wird es aller Voraussicht nach gesetzlich möglich sein, anstatt zehn Monate Zivildienst ein zwölfmonatiges FSJ zu leisten. Der Zivildienst könnte dann also auch im Sportverein absolviert werden. Eine mögliche Gefahr, dass dann niemand mehr Pflegedienste übernehmen würde, sieht das Bundesjugendministerium nicht. "Die Plätze im Sport müssen ja erst mal geschaffen werden", sagt die Pressesprecherin Beate Moser. Es empfiehlt sich daher, frühzeitig Kontakt mit Vereinen und Verbänden aufzunehmen. Michael Theinert beispielsweise arbeitete zuvor bereits bei der Sportjugend als Honorarkraft im Sportklettern.

Und wenn dann doch nichts klappt, einfach mal bei der Polizei anrufen. Das hat Yanin Mahlitz getan. Sie sagt: "Die haben mich dann an den Reitverein verwiesen." Ein wahrer Freund und Helfer.

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