Freiwurfschwäche : Alba und der unsichtbare Torwart

Alba Berlins Basketballer scheitern häufig an der Freiwurflinie. Doch gerade Nervenstärke könnte am Donnerstag das Europaligaspiel gegen den FC Barcelona entscheiden.

Helen Ruwald
260547_3_alban.jpg
Ich versuch's mal. Alba Berlins Rashad Wright beim Freiwurf.Foto: Camera 4

Berlin - Der Torhüter sitzt im Kopf. Er hat keine Fäuste, um den Ball abzuwehren, er versucht nicht mit Blicken oder Gesten zu verunsichern. Aber er spukt im Kopf herum und flüstert manchmal boshaft, „das wird doch eh nichts“. Er muss überlistet werden, damit der Basketball in 3,05 Meter Höhe in den Korb fliegt, 4,60 Meter von der Freiwurflinie entfernt. Das Bild vom Torhüter im Kopf stammt von Alba Berlins Sportdirektor Henning Harnisch, dessen Team in dieser Saison immer wieder durch seine Freiwurfschwäche auffällt. Wenn der Deutsche Meister sich heute in der Europaliga-Zwischenrunde gegen den FC Barcelona (20.30 Uhr, Arena am Ostbahnhof) die winzige Chance aufs Weiterkommen erhalten will, könnten erneut dramatische Schlusssekunden an der Freiwurflinie, die durch das Anhalten der Uhr Minuten dauern, den Ausschlag geben.

Im letzten Heimspiel gegen Real Madrid kostete Alba das Zittern an der Linie den Sensationssieg. Rashad Wright wurde 15 Sekunden vor Schluss gefoult, vier Freiwürfe hatte er bereits verworfen. Wright scheiterte erneut, vergab die Chance zum Ausgleich, Alba verlor 84:87. Beim Triumph gegen Badalona (74:72) machte Wright es zehn Sekunden vor dem Ende nicht besser, doch Badalona traf aus dem Feld nur noch den Ring. Gegen Vitoria (68:73) wiederum waren es die Spanier, die sich in der Schlussphase mit vier souverän verwandelten Freiwürfen den Sieg sicherten.

Alba liegt in der Bundesliga mit einer Freiwurfquote von 67,2 Prozent (Europaliga: 70,7 Prozent) auf Rang 14 von 18 Teams, Spitzenreiter Bamberg kommt auf 74,6 Prozent. Albas beste Freiwerfer Casey Jacobsen, Julius Jenkins und Adam Chubb finden sich im Liga-Ranking mit 79 Prozent auf den Plätzen 35, 36 und 37. In drei der letzten vier Spiele – bei den Niederlagen gegen Madrid und Bonn und dem Sieg in Bremerhaven – vergab Alba insgesamt 32 Freiwürfe. Je neunmal scheiterten Aleksandar Nadjfeji und Rashad Wright. Nadjfeji trifft in der Bundesliga nur 46,9 Prozent seiner Würfe. „Es gibt einen Punkt, wo man es vermeidet, mit dem Spieler darüber zu reden“, sagt Harnisch, der eine Teamquote von „über 70 Prozent für akzeptabel“ hält.

Auch Albas Assistenztrainer Petar Aleksic will sich lieber nicht zu den Problemen von Leistungsträger Nadjfeji äußern. Sensibilität scheint gefragt, um ihn nicht weiter zu verunsichern. Aufmunternd klatscht Aleksic den Serben ab, als im Training der erste Ball vom Ring zurückspringt. Beide lachen.

Nadjfeji tippt den Ball fünfmal auf, streckt sich, der Ball segelt in den Korb und hüpft wieder heraus, erst der dritte sitzt endlich. „Ich werfe in jedem Training rund 50 Freiwürfe, 35 bis 40 gehen rein“, sagt Nadjfeji. „Es ist eine Frage der Konzentration.“ Der saubere Bewegungsablauf lässt sich automatisieren, der Umgang mit Druck kann nur schwer trainiert werden. Manchmal versucht es Petar Aleksic dennoch. Dann brüllt er Dinge wie: „Es steht 81:81 gegen Barcelona“ und versucht, den Rhythmus des Werfers zu stören. Aber den Lärm Tausender Fans kann auch er nicht simulieren.

Trösten kann Nadjfeji sich damit, dass auch Superstar Shaquille O’ Neal nur etwas mehr als die Hälfte seiner Freiwürfe versenkt, mehr als 5000 hat er schon verworfen. Und er kann sich sicher sein, dass Henning Harnisch auf der Bank mit ihm mitleidet. Der Ex-Profi hat einst eine Kolumne über die Angst des Basketballers beim Freiwurf geschrieben. Darin erzählt er, dass Basketballer „die Zeit vor dem Wurf wie die letzten Sekunden einer Todesbeschreibung erfahren, gedehnt wie unter der Guillotine“.

0 Kommentare

Neuester Kommentar