Sport : Fremd im eigenen Land

Der Dreispringerin Aldama ist der Sudan egal

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Betrachtet man nur das Land, für das Yamile Aldama bei den Olympischen Spielen in Athen startet, fallen einem viele Fragen ein: Was hält die Dreispringerin von der humanitären Katastrophe, die gegenwärtig den Sudan erschüttert? Wie trainiert es sich in einem Land, in dem arabischstämmige Reiterhorden die eigene Bevölkerung morden und eine Million Menschen in den letzten eineinhalb Jahren in Flüchtlingscamps über die Grenze in den Tschad getrieben haben? Yamile Aldama braucht man diese Fragen nicht zu stellen.

Die 32-Jährige schreitet wütend durch den langen Gang unterhalb der Haupttribüne. Sie würdigt die Journalisten keines Blickes und eilt dem Ausgang entgegen. Gerade hat sie mit 14,99 Metern und dem fünften Platz das beste Ergebnis ihres Landes bei den Olympischen Spielen erreicht – doch das interessiert sie nicht. Sie hat keine Beziehung zu dem Land, für das sie in Athen startet. Ihre Geschichte hat nur sehr wenig zu tun mit einem schrecklichen Bürgerkrieg, doch deshalb ist ihre Geschichte nicht minder tragisch.

Yamile Aldama stammt aus Kuba, und sie würde auch heute noch für ihr Heimatland starten, wenn sie nicht vor vier Jahren Andrew Dodds kennen gelernt hätte. Die Kubanerin heiratete den Schotten, bekam ein Kind von ihm und folgte ihm 2001 nach London. Zwei Jahre später änderte sich das Leben der Familie dramatisch. Die britische Polizei verhaftete Andrew Dodds, weil er Teil eines türkischen Drogendealerrings war, der Heroin im Wert von 17 Millionen Dollar geschmuggelt hatte. Der Schotte wurde verhaftet, nachdem man 100 Kilogramm Heroin in einer Lagerhalle gefunden hatte, die Andrew Dodds angemietet hatte. Yamile Aldama sagte später aus, er habe ihr erzählt, als Immobilienmakler zu arbeiten. Das Gericht verurteilte ihn schließlich wegen Drogenschmuggels und Drogenhandels zu 15 Jahren Haft.

Nun musste Yamile Aldama von vorne beginnen. Weil Dodds gesamtes Vermögen und sein Haus vom britischen Staat beschlagnahmt wurden, suchte die Kubanerin eine Möglichkeit, um ihr Leben und das ihres Sohnes zu finanzieren. Sie begann wieder mit dem Dreisprung, den sie aufgegeben hatte. Doch Kuba wollte sie nach ihrem Weggang nicht mehr starten lassen, und Großbritannien weigerte sich, ihr die Staatsbürgerschaft zu verleihen. Über ihren Agenten Andy Norman nahm der Sudan Kontakt mit ihr auf und bot ihr die Staatsbürgerschaft noch vor den Spielen in Athen an. Seitdem startet die Kubanerin, die gerne Britin wäre, für das muslimische Land. „Die Sudanesen haben mich großartig Willkommen geheißen“, hat sie mal gesagt. Es scheint einer von sehr wenigen Aufenthalten in Sudan gewesen zu sein. Wütend entschwindet die Athletin durch eine Tür. Es dürften ihre letzten Olympischen Spiele gewesen sein. Kein Wunder, dass sie sich nicht freut, beste sudanesische Athletin aller Zeiten zu sein.

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