Sport : Fremde als Feinde

Italien befasst sich mit dem Rassismus im Fußball

Vincenzo delle Donne[Udine]

Wann immer Marc Andre Zoro am Ball war, wurde das von „Buh“-Rufen begleitet. Das machte ihn wütend, denn bereits am Spieltag zuvor hatte der Fußballprofi aus der Elfenbeinküste als Spieler des FC Messina bei Lazio Rom das Affengegrunze gegnerischer Fans ertragen müssen. Der 21-jährige Zoro hob den Ball auf, lief auf Schiedsrichter Matteo Trefoloni zu und zeigte auf die grölenden Fans des Gegners Inter Mailand. „Das Spiel muss abgebrochen werden!“, sagte er, „Es ist eine Schande für mich, in meinem Stadion durch solche rassistischen Äußerungen beleidigt zu werden!“ Doch Trefoloni zeigte sich ungerührt.

Während Inters brasilianischer Stürmerstar Adriano besänftigend auf Zoro einredete, veranstalteten Hunderte Fans ein Grunzkonzert, aus dem ein Eklat wurde. Zeitungen und Fernsehstationen berichteten ausführlich über die rassistischen Ausfälle, doch im Spielbericht von Schiedsrichter Trefoloni fand sich darüber kein Wort. Das wäre nötig gewesen, um Sanktionen gegen Inter zu verhängen. Aber nicht alle scheinen daran in der ersten italienischen Liga interessiert. Lecces Trainer Silvio Baldini etwa behauptete in einer Sendung der Fernsehanstalt Rai, in Afrika gäbe es doch auch Rassismus gegen Spieler mit weißer Hautfarbe.

Fußball als Integrationsfaktor funktioniert in Italien nicht so recht: In Rom oder Mailand, in Florenz oder Treviso – vielerorts bekunden Fans offen ihren Rassismus. Ein Beispiel sind Lazio Roms Tifosi, die von rechtsextremistischen Gruppierungen unterwandert sind. Lazios Trainer Delio Rossi schlägt daher eine harte Gangart vor: „Wir müssen den 400 Dummköpfen Stadionverbot erteilen!“ Die Namen der rechten Fans seien dem Klub bekannt, sagt Rossi. In Rom ist aber bislang auch nichts geschehen.

Der italienische Verband reagierte mit einer symbolischen Geste. Die Spiele am heutigen Sonntag werden mit fünf Minuten Verspätung angepfiffen. Auf Transparenten wollen die Klubs gegen den Rassismus Stellung nehmen. Für Lilian Thuram geht es aber nicht allein um den Rassismus. „Was mich betrübt, ist das völlige Fehlen von Respekt gegenüber Andersartigen“, sagt der 33-jährige Franzose, der für Juventus Turin spielt. Thuram, seit 1996 in der Serie A, stammt aus Guadeloupe. Ihn erzürne es, wenn er an die „unglaublichen Worte“ von hohen kirchlichen Würdenträgern denke. So hat der Vorsitzende der italienischen Bischofskonferenz, Kardinal Camillo Ruini, dieser Tage öffentlich gesagt, dass er unbedingt von einer Heirat zwischen Katholiken und Mohammedanern abrate. Thuram empört sich: „Was ist das bloß für ein Geschwätz?“ Eine solche Äußerung passe in das allgemeine Klima, das aus jedem Fremden einen Feind mache, sagt Thuram. Bereits in Frankreich hatte sich der Fußballer nach den Krawallen offen geäußert und Aussagen von Innenminister Nicolas Sarkozy kritisiert, der die Vorstadtjugendlichen als Lumpengesindel bezeichnet hatte. „Mir hat man auch einst gesagt, ich sei Gesindel. Ich bin auch in der Vorstadt aufgewachsen und fühle mich persönlich angesprochen“, hatte Thuram, 1998 Weltmeister mit Frankreich, gesagt.

Am Sonntag spielt Messina in Treviso, beim Aufsteiger aus der reichen Region Padanien. Zoro wird erstmals die Kapitänsbinde tragen. „Damit wollen wir ein Zeichen gegen den Rassismus setzen“, sagt Messinas Präsident Pietro Franza. Treviso gilt als Hochburg der „Lega Nord“, die einst für ein „freies Padanien“ kämpfte und sich heute für eine restriktive Ausländerpolitik einsetzt. Sollte Zoro auch in Treviso mit „Buh“-Rufen bedacht werden, will er es ignorieren: „Einen Spielabbruch würde ich nicht noch einmal verlangen, denn die Nachricht sollte jetzt angekommen sein.“

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