French Open : Die fragile Nummer eins im Frauentennis

Weil Caroline Wozniacki schwächelt, könnte bei den French Open eine Außenseiterin triumphieren – vielleicht sogar Andrea Petkovic. "Ich gehöre jetzt zu den Topspielerinnen“, sagt sie.

Petra Philippsen
Gute Aussichten. Andrea Petkovic steht im Achtelfinale von Paris.
Gute Aussichten. Andrea Petkovic steht im Achtelfinale von Paris.Foto: dpa

Caroline Wozniacki lächelt viel. Die blonde Dänin hat sich im letzten Jahr bemüht, ein Image des hübschen Glamour-Girls von sich aufzubauen, das mit Leichtigkeit und Sexappeal den Ton an der Weltspitze des Frauentennis angibt. Doch sie wirkt zunehmend verkrampft, nicht nur weil ihre strahlende Attitüde zu aufgesetzt wirkt, sondern vor allem weil der 20-Jährigen mittlerweile die sportlichen Argumente ausgehen. Als Nummer eins der Welt war Wozniacki am Freitag bereits in der dritten Runde der French Open kläglich an der Slowakin Daniela Hantuchova gescheitert. Schon der dritte missglückte Versuch, nach den US Open und den Australian Open ihre Regentschaft mit einem Grand-Slam-Titel zu untermauern. Und so hinterlässt Wozniacki ein Machtvakuum, das dem Ansehen des Damentennis schadet.

„Es spielt keine Rolle“, sagte Wozniacki knapp und ohne zu lächeln. Die Fragen, denen sie ausgesetzt ist, seit sie im letzten Oktober den Thron bestiegen hatte, zehren inzwischen merklich an ihren Nerven. Kritik an ihren spielerischen Fähigkeiten wurden laut. Und ob sie denn tatsächlich ohne Grand-Slam-Trophäe verdient die Nummer eins sei, war auch in Paris das ständige Thema. „Ich weiß, was ich kann, und ich weiß, dass ich eine großartige Spielerin bin“, stellte Wozniacki klar. „Es ist alles in Ordnung.“ Doch seit dem Mai 2008 ist gar nichts mehr in Ordnung im weiblichen Machtgefüge. Denn mit dem überraschenden Rücktritt der Belgierin Justine Henin war die zuvor klar gewachsene Hierarchie aus den Fugen geraten. Seither hat die Führung der Rangliste 14 Mal gewechselt.

Die Russin Dinara Safina war damals eine der ersten Leidtragenden gewesen, die monatelang zu spüren bekam, dass der Nummer-eins-Status mehr Fluch als Segen ist, solange der große Titel als Legitimierung fehlt. Safina war an der dauernden Kritik fast zerbrochen. Besonders weil Serena Williams aus dem Hintergrund ätzte: „Wir alle wissen doch, wer die wahre Nummer eins ist. Das bin ich.“ Doch die 13-malige Grand-Slam-Siegerin ist es schon seit dem letzten Oktober nicht mehr gewesen. Und weil die Amerikanerin wie ihre ältere Schwester Venus in den letzten Jahren kaum noch Turniere neben den vier wichtigsten spielt – das aber meist sehr erfolgreich –, ist ein Ungleichgewicht entstanden, das der Zählweise der Rangliste geschuldet ist. Bei den prestigeträchtigen Grand Slams gibt es die meisten Punkte, daher rangieren die Williams-Schwestern oft sehr hoch. Doch die erfolgreichen Vielspielerinnen wie Wozniacki sammeln über die Saison ebenso viele Zähler ohne den ganz großen Titel. „Wir können doch alle nichts für das Ranking“, betonte Wozniacki.

Auf dem Sand von Paris gab es für die Konkurrentinnen in den letzten drei Jahren noch am ehesten eine Chance, die Dominanz von Serena Williams und Kim Clijsters zu durchbrechen. Denn auch die zweitplatzierte Belgierin, die sich hauptsächlich auf ihre Mutterrolle verlegt hat, spielte erstmals seit 2006 wieder in Roland Garros, schied nach den Serien-Siegen in New York und Melbourne bereits in Runde zwei aus. Erstmals seit Beginn der Open-Ära 1968 stehen damit bei einem Grand Slam die Nummer eins und zwei nicht im Achtelfinale. Das Damen-Feld ist nach dem Straucheln weiterer Favoritinnen offener denn je, es könnte also wieder eine Überraschungssiegerin geben, die in das Machtvakuum eindringen kann. Wie im letzten Jahr Francesca Schiavone, die als erste Italienerin überhaupt triumphierte.

Vielleicht wird es die große Chance für Andrea Petkovic, die sich mit einem 6:2, 4:6 und 6:3-Sieg über die Australierin Jarmila Gajdosova ins Achtelfinale kämpfte. Mit ihren 23 Jahren ist Petkovic inzwischen zu einer stabilen, nervenstarken Spielerin gereift. Die Nummer zwölf der Welt ist sie bereits, stand in Melbourne erstmals in einem Viertelfinale. Sie weiß, was sie kann. „Ich habe immer noch Respekt vor den Stars, aber sie sind keine Götter mehr für mich“, sagte Petkovic, „ich gehöre jetzt zu den Topspielerinnen.“

Doch den wachsenden Erwartungsdruck spürt auch sie: „Ich habe jetzt sicher mehr zu verlieren als im letzten Jahr – und es gibt viele Spielerinnen, die gar nichts zu verlieren haben.“ Paris könnte ein Glücksmoment für eine Außenseiterin werden.

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