Sport : Freudentränen und Dissonanzen

Hartmut Scherzer

Diese Sportlerwahl verdient einen Eintrag ins Guinessbuch der Rekorde. Mit dem Rad hat Erik Zabel den Ferrari Michael Schumachers abgehängt. Der Weltranglistenerste der Radprofis wurde von 1300 deutschen Sportjournalisten zum "Sportler des Jahres 2001" gewählt. Der Weltmeister der Formel 1 trudelte - als wäre ihm der Sprit ausgegangen - nur auf dem dritten Rang ein. Zwischen die zwei Beine- und 800 Pferdestärken schob sich noch Oliver Kahn, der besessene Siegertyp des FC Bayern München. Erik Zabel stand bei der Proklamation allein auf der Bühne, weil der Torwart der Nationalmannschaft lieber Golf auf Mallorca spielte und der schnellste Autofahrer der Welt seine Erholung in Norwegen nicht unterbrechen wollte.

Die fehlende Formel-1- und Fußball-Prominenz trübte den Glanz der 55. Proklamation zum Sportler des Jahres. Kahn war immerhin von der Urlaubsinsel live zugeschaltet. Dabei hätte der Held von Mailand gleich zweimal die Bühne betreten können, wurde der FC Bayern München doch erwartungsgemäß Mannschaft des Jahres. Nichts gegen den sympathischen Hasan Salihamidzic. Aber dass der große FC Bayern auf Krücken humpelnd die Auszeichnung entgegennahm, wirkte peinlich. Als alleinige Abordnung der Mannschaft hatten die Bayern den am Kreuzband operierten Bosnier geschickt. "So etwas gehört sich nicht", bemerkte DFB- Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder. NOK-Präsident Walther Tröger wunderte sich nicht weiter über die Brüskierung durch die Bayern: "Die haben es nicht mehr nötig." Zur Ehrenrettung des FC Bayern sei erwähnt, dass immerhin sein höchster Repräsentant Franz Beckenbauer erschienen wäre. Doch er war in Kitzbühel eingeschneit.

Frauen wissen solche Festabende des Sports noch zu schätzen und zeigten sich nicht nur vollzählig (die weibliche Fußball- Nationalmannschaft als Zweite hinter den Bayern war komplett erschienen), sondern auch in blickfangender Garderobe. Hannah Stockbauer war angeblich völlig ahnungslos nach Baden-Baden gereist und zunächst "erschrocken", als sie, kaum dass sie den Kursaal betreten hatte, zusammen mit Erik Zabel fürs Siegerfoto posieren musste. Die Fotografen wussten offenbar mehr als die überraschte Schwimmweltmeisterin. Als die nächsten Plätze an die Eisschnellläuferinnen Gunda Niemann-Stirnemann und Anni Friesinger vergeben waren, rechnete die angehende Abiturientin nicht mehr damit, noch auf die Bühne gerufen zu werden. Dann kamen der 19-Jährigen Tränen, als sie zur "Sportlerin des Jahres" ausgerufen wurde.

Erik Zabel hingegen hatte es gewusst, was was auf ihn zukommen würde und was er "nicht für möglich gehalten hatte, dass ich mich einmal bei den Journalisten bedanken muss". Der Seriensieger der Saison kam aus Mallorca, freilich nicht vom Golf, sondern vom harten Training.

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