Freundschaftsspiel : Deutschland gegen Holland - ein Spiel mit Geschichte

Am Dienstag spielt die Fußball-Nationalmannschaft in Hamburg gegen Holland – wie 1988, als die Niederländer im EM-Halbfinale ein schweres Trauma besiegten.

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Ein Tick zu spät. Jürgen Kohler (r.) gegen Marco van Basten – das war das entscheidende Duell im Halbfinale 1988. Es endete mit einem Elfmeter und einem Tor für den Holländer.
Ein Tick zu spät. Jürgen Kohler (r.) gegen Marco van Basten – das war das entscheidende Duell im Halbfinale 1988. Es endete mit...Foto: picture-alliance / dpa

Es geht schon auf Mitternacht zu, an diesem Dienstag, den 21. Juni 1988, als Franz Beckenbauer eine bemerkenswerte Entscheidung trifft. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft wartet im Bus auf ihren Teamchef. Beckenbauer ist schon an der Tür, macht dann aber noch einmal kehrt und geht hinüber zu den Holländern, die gerade lustige Lieder singen: „Lothar, Lothar, alles ist vorbei“ oder „Matthäus, du hast verloren“. Die Stimmung ist ausgelassen, doch als Beckenbauer plötzlich im Bus auftaucht, wird es mit einem Mal ruhig. Beckenbauer lächelt, es falle ihm schwer, sagt er, „aber ich finde, Holland hat verdient gewonnen. Viel Glück fürs Finale!“ Nach einem kurzen Moment der Stille bricht Applaus los.

An einem Abend der großen Triumphgefühle ist es diese kleine Geste, die sich ihren Zeugen geradezu ins Gedächtnis gefräst hat. Marco van Basten, der Stürmer der holländischen Nationalmannschaft, hält Beckenbauer seit diesem Moment für einen echten Gentleman. Für Ronald Koeman ist der Auftritt des Teamchefs sogar „die schönste Erinnerung an das Turnier“. Und an schönen Erinnerungen an die Europameisterschaft 1988 besteht bei den Holländern ganz sicher kein Mangel.

Wenn die Nationalmannschaft am Dienstag in Hamburg auf Holland trifft, ist das auch ein Spiel mit Geschichte. 1988 standen sich beide Länder im EM-Halbfinale gegenüber – am selben Ort, auch wenn es weder das alte Volksparkstadion noch dessen Namen noch gibt. „Hamburg 88“, dieses 2:1 gegen Deutschland auf deutschem Boden, hat für die Holländer eine ähnlich mythische Bedeutung wie „Bern 54“ für die Deutschen. „Es war für die Niederländer wahrscheinlich wichtiger als für uns“, sagt Eike Immel, der damals im Tor der Deutschen stand.

Das war es mit Sicherheit. 1988 brach aus den Holländern etwas heraus, was sich über Jahre angestaut hatte. Etwas, das die Deutschen völlig unvorbereitet traf und das Verhältnis im Fußball für lange Zeit vergiften sollte. „Sehr viel Häme, Hass möchte ich fast sagen“ hat Immel an diesem Juniabend erlebt. Ronald Koeman wischte sich mit dem Trikot, das er von Olaf Thon ertauscht hatte, symbolisch den Hintern ab, ein holländischer Radioreporter ließ auf der Pressetribüne seine Hose herunter und streckte den deutschen Kollegen sein blankes Hinterteil entgegen. Und während „Bild“ den formidablen Auftritt des Gegners entsprechend würdigte („Holland super“), titelte Hollands größte Tageszeitung „De Telegraaf“: „Endlich Rache!“

Aber Rache wofür? Für 1974? Für die Niederlage im Finale der Weltmeisterschaft? Oder Rache für 1940, den Überfall der Wehrmacht und die anschließende Besatzung? „Der Krieg hat für mich überhaupt keine Rolle gespielt“, sagt Hollands Torhüter Hans van Breukelen. Die WM 74 schon eher. Hamburg 88 ist nicht zu verstehen ohne München 74. Die Endspielniederlage gegen Deutschland war wie ein schleichendes Gift, das nun mit jahrelanger Verspätung seine Wirkung entfaltete. Die meisten Spieler der 88er-Mannschaft hatten das WM-Finale als Kinder oder Jugendliche am Fernseher verfolgt. „Es war eine Frustration, die raus musste“, sagt Ruud Gullit, der 1974 elf Jahre alt war. „Eine unterbewusste Frustration.“ Dabei hatten die Holländer den Einzug ins Finale anfangs noch als großen Erfolg verstanden, in der Heimat wurden sie wie Helden gefeiert. Von einem Trauma konnte keine Rede sein.

Für Rinus Michels war das anders. Er hatte die Elftal 1974 trainiert – und er trainierte sie auch 1988 wieder. Michels war das Verbindungsstück, und er nutzte die Erfahrungen, die er 14 Jahre zuvor gemacht hatte. „Fußball ist Krieg“, hat Michels einmal gesagt. 1974 hatte er den Krieg verloren, weil, so glaubte er, die Deutschen ihn überlistet hatten. Das würde ihm nicht noch einmal passieren.

Als die Holländer am Morgen des 21. Juni ihren Mannschaftsbus besteigen, erzählt Michels den Journalisten, dass sie zu einem Spaziergang ins Grüne fahren. Doch das eigentliche Ziel liegt im Hamburger Hafen. In einer räudigen Kaschemme hält der Bondscoach seine Mannschaftssitzung ab. Die Spieler wundern sich, und genau das hat ihr Trainer bezweckt. Sie sollen ihre Sinne schärfen. Als Michels fertig ist, meldet sich Kapitän Ruud Gullit zu Wort und erzählt, was sich in der Nacht zuvor zugetragen hat. Um halb eins habe bei ihm auf dem Zimmer das Telefon geklingelt. Ein deutscher Anrufer meldete sich und wollte wissen, bei welchem Verein Gullit vor seinem Wechsel nach Mailand gespielt und wie viele Länderspiele er bisher bestritten habe.

Die Deutschen wieder, denken die Holländer. Alle Mittel sind ihnen recht, um uns fertig zu machen. Dabei ist deren Selbstvertrauen grenzenlos. Nach einem mühsamen 1:1 zum Auftakt gegen Italien haben sich die Deutschen in die EM hineingespielt und die Spiele gegen Dänemark und Spanien viel deutlicher dominiert, als es die 2:0-Siege vom Ergebnis her andeuten. Gegen Spanien schießt der zuvor kritisierte Rudi Völler beide Tore, und nicht nur Torhüter Immel glaubt: „Der Europameister konnte nur Deutschland heißen!“ Doch mit dem überbordenden Selbstbewusstsein ist es schon bei der Anfahrt zum Volksparkstadion vorbei. „Man konnte damals von der Autobahn ins Stadion reinschauen, und ich habe nur Orange gesehen“, erinnert sich Immel. „Also, einen Heimvorteil hatten wir nicht. Der Hamburger an sich ist ja nicht gerade heißblütig, und die Holländer haben einen Riesenlärm gemacht.“ Frank Mill wird später sagen: „Es wäre schön gewesen, wenn wir heute ein Heimspiel gehabt hätten.“

Der Dortmunder ist in letzter Sekunde in die Startelf gerutscht. In der offiziellen Aufstellung steht noch Pierre Littbarski, aber der hat sich angeblich den Magen verdorben. Noch so ein Psychotrick, denken die Holländer, die entsprechend wütend zu Werke gehen. In der ersten Hälfte bleibt Mill nach einem Zusammenprall mit van Breukelen auf dem Rasen liegen. Hollands Torhüter beugt sich über ihn, den Rücken durchgedrückt, die Arme dahinter verschränkt. Van Breukelen brüllt Mill nur ein Wort ins Ohr: „Scheiße!“

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