Sport : Friede mit dem Bösen

Der ehemalige Schwergewichts-Champ Mike Tyson kehrt an den Ring zurück – als Promoter.

Bertram Job
Zwirn statt Boxingshorts. Mike Tyson veranstaltet im Indianercasino. Foto: Reuters Foto: REUTERS
Zwirn statt Boxingshorts. Mike Tyson veranstaltet im Indianercasino. Foto: ReutersFoto: REUTERS

Berlin - Als er noch in schwarzen Hosen und mit grimmiger Miene durch die Ringseile schlüpfte, wollte er seine Gegner am liebsten verspeisen, wie er gerne tönte. Inzwischen ist Mike Tyson Veganer und bemerkenswert entspannt – um nicht zu sagen demütig. Vor ein paar Tagen sah man ihn im amerikanischen Sportkanal ESPN, wo er zum nächsten Kampftermin befragt wurde. Da wollte er allen gegenüber dankbar sein, die ihm diese Chance gegeben hätten, von den Capos im Sender bis hin zu Allah. So viel Demut kann also ein 47-jähriger Ex-Weltmeister im Schwergewicht entwickeln, der einst als ’bösester Mann des Planeten’ gehandelt wurde.

Schon wieder ein Comeback im Boxen? Gottlob nicht. Der berühmt-berüchtigte Altstar möchte acht Jahre nach seinem letzten Kampf zwar wieder in die Welt der Faustkämpfer zurückkehren – aber diesmal in einer neuen Rolle. Er wird den Promoter geben, wenn die neu gegründete ’Iron Mike Productions’ zum 23. August mit einigen Partnern eine Boxgala im Indianercasino von Verona im Staat New York abhält. Dort ist er ein für alle Mal nicht mehr in kurzen Hosen, sondern dann in einem teuren Anzug bei der ’Friday Night Fight’ von ESPN zu sehen.

Diese Rolle will Tyson, wenn man ihm glauben kann, ganz anders als etwa sein einstiger Chefausbeuter Don King ausfüllen. Er möchte gut sein und ehrlich, wie er angekündigt hat, und vor allem verhindern, dass viel versprechende Talente irgendwann so enden wie er – ohne Geld und mit dem Gefühl, wertlos zu sein. Was immer einem in dieser korrupten Szene widerfahren kann – er hat es in 20 bewegten Berufsjahren im Zweifelsfall schon durchlitten: „Was ich zu erzählen habe, sind keine Märchen. Das ist das gelebte Leben.“

In diesem Sinne ist Tyson mit der aufstrebenden, noch wenig bekannten Promotionfirma Acquinity Sports ein Joint Venture eingegangen. Die sitzt in Deerfield Beach, Florida und wird ihm ab sofort Profis mit viel Latino-Blut zuführen. Wie ihren ersten echten Champion Argenis Mendez aus der Dominikanischen Republik, der zum Termin in Verona seinen IBF-Gürtel im Superfedergewicht verteidigt. Oder den schrankhohen Kubaner Roberto Alfonso, der vor einigen Jahren Junioren-Weltmeister war. Insgesamt geht es um ein gutes Dutzend zumeist aufstrebender Profis.

Damit hat das junge Unternehmen genau die prominente Lokomotive, die ihr gefehlt hat, und diese ein neues Gleis, auf der sie etwas bewegen kann. Letzten Endes gehe es ja um Hoffnung, hat Tyson in dem Interview mit dem Sender noch gesagt: Mit ihr sei, wie man auch an ihm sehen könne, so gut wie alles möglich. Womit er eine Wandlung anspricht, die Freund und Feind gleichermaßen erstaunt. Seit der Verbindung mit seiner dritten Frau Kiki, der elf Jahre jüngeren Modedesignerin, hat Tyson mit dem finsteren K.-o.-König aus Brooklyn (50 Siege, 2 Remis, 6 Niederlagen) offenbar nur noch den Namen gemein.

Ziemlich hart, aber doch amüsant hat die Boxlegende kürzlich in einer multimedial inszenierten Ein-Mann-Show in Las Vegas mit sich und ihrer Karriere abgerechnet. Sie ist von dort aus Richtung Osten, nach New York gewandert und soll demnächst vom renommierten Filmregisseur Spike Lee für eine TV-Fassung bearbeitet werden. Das ist fast schon der Ritterschlag für den freundlich lächelnden Mann, der spätestens seit seiner Gastrolle im Film ’Hangover’ Gefallen an der Kulturszene gefunden hat.

Nicht Kämpfe, sondern Projekte machen die Highlights in seinem Leben ohne Alkohol und Exzesse aus. Es wäre ein schöner Friede am Ende einer furiosen Achterbahn-Fahrt, wenn diese und andere Projekte auch auf längere Sicht funktionieren. Bertram Job

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