Sport : Friedensfahrt: Viele Zuschauer, wenig Klasse

Hartmut Moheit

So konnte nur Stefan Kretzschmar reagieren, der Handball-Punkt beim SC Magdeburg. "Es ist so unglaublich geil. Was soll ich noch sagen, es ist einfach geil", schrie er heraus, während die Fans ihm von allen Seiten auf Kopf, Schultern und sonst wohin klopften. An der Anzeigetafel in der Bördelandhalle stand längst nicht mehr das 30:23 (12:11), mit dem sein Team die SG Flensburg-Handewitt kurz zuvor besiegt hatte, sondern: SC Magdeburg - Deutscher Meister. Auf diesen Tag haben die Magdeburger sehnsüchtig gewartet. Zehn Jahre haben sie davon geträumt, dass er kommen möge. "We are the Champions" aus vollen Kehlen singen zu können. Gestern war es endlich soweit, Träunen flossen, viele lagen sich in den Armen und die Spieler hatten nicht die Spur einer Chance, den Massen zu entfliehen. "Wir haben uns diesen Erfolg verdient. Diese Steigerung in der zweiten Halbzeit, das Super-Publikum und der Glaube an den Erfolg waren die Grundlage. Ich bin stolz auf diese Mannschaft", sagte Magdeburgs Trainer Alfred Gislason, sichtlich geschafft von den 60 Minuten zuvor.

Dann ging alles ziemlich schnell, denn Spieler und die 7000 Fans wollten nur eins, mit den Tausenden, die am Alten Markt in Magdeburg das Spiel auf einer Videowand verfolgt hatten, eine große Sieger-Fete feiern.

Dabei hatten die Flensburger sich extra noch einmal den "Hexer" geholt, um nach vier Vize-Meisterschaften endlich den Handball-Titel holen zu können. Jenen Andreas Thiel, den 41-Jährigen, an den die Magdeburger keine guten Erinnerungen hatten. Als 1991 erstmals der gesamtdeutsche Handball-Meister gekürt wurde, war er es, der in den Reihen des VfL Gummersbach mit seinen Aktionen den ostdeutschen Traditionsklub entnervte. Damals sprach man vom "Drama von Magdeburg", weil ein Treffer den Ausschlag gegen den SCM gegeben hatte. "Gratulation an die Magdeburger, sie waren einfach mal dran", sagte der Rechtsanwalt mit den 256 Länderspielen für Deutschland, der in den zweiten 30 Minuten noch einmal seine Klasse von einst aufblitzen ließ. Ändern konnte er an der Niederlage der SG auch nichts mehr, die durch den gleichzeitigen Erfolg der TBV Lemgo gegen Hameln in der Endabrechnung noch auf den dritten Rang zurückfiel. Das aber interessierte niemanden mehr in diesem Augenblick, auch nicht, wie es letztlich zum hohen Magdeburger Erfolg gekommen war.

Gislason analysierte im Trubel nicht, aber seine kurze Einschätzung traf dennoch den Kern: "Wir mussten uns durchkämpfen, lagen mit drei Toren zurück und am Ende hatten wir mehr Kraft und Willen zum Erfolg." Entscheidend war auch, dass der Isländer mit Henning Fritz, der gemeinsam mit Erik Göthel, Michael Jahns und Wassili Kudinow den Verein verlassen wird, sein Glanzstück für die zweite Halbzeit noch in der Hinterhand hatte. Als der zukünftige Kieler ins Tor kam, waren die Flensburger, die noch nie in Magdeburg siegen konnten, gegen seine Paraden machtlos. Beim 13:11 (32. Minute) hielt er einen Siebenmeter, und danach zog sein Team bis zum 20:15 (45.) davon. Als dann Stefan Kretzschmar auf Fritz zwei Minuten vor dem Abpfiff zulief und ihn lange umarmte, da war beim 28:21 die Deutsche Handball-Meisterschaft 2001 längst entschieden. Mit Laola begleiteten die stimmgewaltigen Fans ihre Lieblinge bis zum Schlusspfiff.

Die Mannschaft kann sich nunmehr auf eine dicke Prämie freuen. 240 000 Mark sind es, dazu kommen noch einmal 60000 für den Gewinn des EHF-Cups. Die versprochene Summe für den Europacup war zwar zunächst doppelt so hoch, aber von vorn herein wussten die Spieler, dass die Meisterschaft viel höher bewertet werden würde. Unabhängig davon hatte der Haupsponsor des Teams, die fünftgrößte Brauerei in Deutschland, die aus der Region kommt, den Vertrag vor dem Spiel bis zum Juni 2004 verlängert. Über fehlendes Geld wird sich demnach niemand in den kommenden drei Jahren beim SC Magdeburg beklagen können, zumal ja nun auch die Teilnahme an der Champions League erreicht wurde. Darüber dachte gestern wohl höchstens Manager Bernd-Uwe Hildebrand nach, die Spieler waren allesamt nur im Freundentaumel. Am Mittwoch werden sie alle für fünf Tage nach Mallorca fliegen, vielleicht realisieren sie dann, was sie eigentlich in dieser Saison geleistet haben. Für Stefan Kretzschmar, der nun auch in die Nationalmannschaft zurückkehren wird war es natürlich "ein geiles Jahr".

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