Sport : Frisch vereist

Vor Saisonbeginn haben sich die Eisschnellläufer einer Reform unterzogen – Anni Friesinger und Claudia Pechstein üben daran Kritik

Benedikt Voigt

Berlin - Man kann nicht sagen, dass die deutschen Meisterschaften der Eisschnellläufer ein Publikumsrenner seien. Im letzten Jahr in Berlin gewährte die Deutsche Eisschnelllaufgemeinschaft (DESG) freien Eintritt, trotzdem wollten am ersten Tag nur rund 100 Zuschauer die Olympiasiegerinnen Claudia Pechstein oder Anni Friesinger sehen. Damit bei den am Freitag in Erfurt beginnenden nationalen Titelrennen wenigstens 1000 Zuschauer Eintrittskarten zu fünf Euro kaufen, hat die DESG die Wettkämpfe um einen Showpunkt erweitert: Die Verabschiedung der Läuferinnen Gunda Niemann-Stirnemann, Monique Garbrecht- Enfeldt und Sabine Völker.

So kommt es, dass die deutschen Meisterschaften in diesem Jahr die Situation in der DESG besonders treffend widerspiegeln – zumal Claudia Pechstein wegen einer Erkältung womöglich nicht antreten kann. Dem Verband gehen die guten Eisschnellläufer aus. Gegenwärtig gehören Anni Friesinger, Claudia Pechstein, Daniela Anschütz, Jenny Wolf und Lucille Opitz zur Weltspitze. „Aber wir müssen gewappnet sein für den Zeitpunkt, wenn Anni Friesinger und Claudia Pechstein aufhören“, sagt Bundestrainer Markus Eicher, „damit wir nicht in ein paar Jahren dastehen und jammern“.

Die DESG hat deshalb vor dieser Saison ihre Leistungssportstruktur grundlegend reformiert. Liefen die Frauen in der Vergangenheit in kleinen Trainingsgruppen mit Männern, üben die Läufer nun unter den Bundestrainern Markus Eicher (Frauen) und Bart Schouten (Männer) nach Geschlechtern getrennt. „Früher hatten wir einzelne Standorte wie Inzell, Erfurt oder Berlin, jetzt haben wir für Männer und Frauen nur noch eine Mannschaft“, sagt Bundestrainer Eicher. 13 seiner 16 Läuferinnen fänden die Umstrukturierung gut.

Die neue Struktur soll die seit Jahren erfolglosen Männer und den weiblichen Nachwuchs besser fördern, weil sie nun auf hohem Niveau gemeinsam trainieren. Sie geht aber zu Lasten der erfolgreichsten Läuferinnen, die vom Training mit Männern profitiert hatten – im Gegensatz zu den meisten Männern. Nun kritisieren die weiblichen Stars die Reform. „Einen Mittelweg“ würde sich Pechstein wünschen. Friesingers Inzeller Trainingsgruppe hat sich sogar aufgelöst, nachdem Heimtrainer Markus Eicher zum Bundestrainer befördert wurde. „Dass Anni Friesinger nicht glücklich damit ist, ist logisch“, sagt Eicher. Sie bereitet sich nun in einer holländischen Trainingsgruppe um den Olympiasieger Gianni Romme vor. Daniela Anschütz wollte der neuen Mannschaft nicht beitreten und trainiert nun alleine in Erfurt. „Für sie müssen wir noch eine Lösung finden“, sagt Eicher, „trotzdem war diese Reform überfällig“.

Trotz der großen Erfolge der letzten 15 Jahre und der für eine Randsportart großzügigen Übertragungszeiten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, fehlt der Nachwuchs. „Von einem Boom kann nicht die Rede sein“, sagt die DESG-Leistungssportreferentin Isolde Weidner, „es wird immer schwieriger, talentierte Sportler zu finden“. Das sei aber kein Problem des Eisschnelllaufens, sondern ein gesellschaftliches Problem.

Da tut es vielleicht gut, am Freitag noch einmal ein Vorbild wie Gunda Niemann-Stirnemann zu sehen. „Sie war eine Ausnahmeläuferin“, sagt Eicher, „so eine gibt es leider nur alle 50 Jahre“. Daran dürfte auch die beste Reform nichts ändern können.

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