Sport : Friseure

In China sind die Haarschnitte so vielfältig wie die Gesellschaft. Besondere Vorsicht gilt allerdings den Pink Hairsalons

Yu Len Roloff



Im kleinen türkisfarbenen Friseursalon MLJoy, mitten im Pekinger Trommelturmviertel, dudelt chinesischer Pop, die Luft ist mit Haarspray geschwängert. Kein Wunder, denn der tätowierte Friseur im „1-Million-Volkswagen-Transporter“-T-Shirt sprüht es seiner Kundin mit Hochdruck aus einer roten Spritzpistole in die toupierten Haare. Er sprüht. Und sprüht. Und sprüht. Li Mei Hua, eine mädchenhafte Friseurin mit wild gesträhntem Haar, hält derweil der ausländischen Kundin ein zerblättertes Heftchen unter die Nase, tippt auf chinesische Schriftzeichen, über denen der englische Satz steht: „What hairstyle do you like, miss?“ Ein Blick zur Decke: Dort lächelt eine ganze Girlande voller dauergewellter Haarmodelle. Zurückgetippt auf den englischen Satz: „I want my hair blowdried only.“

Chinesisches Haar ist schwarz, sehr fest und fällt im Normalfall schnurgerade herab. Hiesige Friseure sagen, es habe eine „glasige Struktur“. Bei Herren mit Kurzhaarfrisur neigt es zur Stoppeligkeit. Zum Trotz haben chinesische Friseure eine Palette an Haarstylings entwickelt, die mit viel Chemie, Lockenwicklern, Glätteisen und Geduld zu den angesagten Frisuren werden, die in Peking Rockmusiker von Polizisten unterscheiden. Wie auch in Deutschland gehört es zum Ehrenkodex der Branche, dass sich die Friseure selbst zum Aushängeschild ihrer Fähigkeiten stilisieren: Die männlichen Angestellten im Salon MLJoy haben die Haare antoupiert, mit Dauerwellen gelockt, hellbraun gefärbt, mit Gel kunstvoll ins Gesicht gesträhnt, an den Seiten anrasiert, das Stirnhaar zur Elvistolle aufgetürmt oder zur Vokuhila frisiert. Dazu tragen sie lang gewachsene kleine Fingernägel und Goldkettchen.

Bei 1,3 Milliarden Chinesen sind die Möglichkeiten, sich in China die Haare schneiden zu lassen, natürlich so vielfältig wie die chinesische Gesellschaft selbst: Einfache Haarschnitte gibt es am Straßenrand noch für 50 Cent, im traditionellen Barber-Shop wird mit Messern rasiert, in den edlen, von Japanern geführten Haarsalons werden Hairstyles und Friseure extra aus Tokio eingeflogen.

Doch die Basis der haarbezogenen Dienstleistungen ist immer noch Gan Xi: Ab umgerechnet einem Euro bekommt der Kunde dabei nicht nur den Kopf gewaschen, sondern auch noch eine kurze Kopf- und Schultermassage. Und zwar nicht am Waschbecken, sondern mitten im Raum auf einem Stuhl. Aus einem Plastikfläschchen träufelt der Friseur ein Shampoo-Wasser-Gemisch auf den Kopf der Kunden. Wuschelt, streicht mit allen zehn Fingern den Kopf entlang, massiert das Ganze, bis am Ende ein mächtiger Schaumberg auf dem Kopf entsteht, in dem er nun äußerst ausdauernd herumknetet.

Nicht zu verwechseln sind echte Friseure übrigens mit den „Pink Hairsalons“. In diesen Etablissements bieten gelangweilte junge Frauen alles an – nur keine Haarschnitte. Föns, Kämme und Bürsten dienen dort nur zur Tarnung der Prostitution, die in China immer noch illegal ist.

Sollten also keine Haarreste auf dem Boden herumliegen, niemand auf den Stühlen sitzen – dann lassen sich die letzten Zweifel aus der Welt räumen, wenn man den Angestellten auf den Kopf schaut: Prangt dort etwa eine dauergewellte Elvistolle, handelt es sich sicher um einen echten Friseur.

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