Sport : Frisur und Freistöße

Marcelinho und Ballack trennen derzeit Welten – heute kommt es zum Duell

Michael Rosentritt

Berlin - Neulich hat Bayern Münchens Manager Uli Hoeneß über Marcelinho gelästert, den Berliner Brasilianer, der sich pünktlich zum Rückrundenstart in der Fußball-Bundesliga wieder einen aufwändigen Haarschnitt zugelegt hatte. „Bei uns würde das nicht vorkommen, dass einer vier Stunden beim Friseur verbringt“, spottete Hoeneß. „Der würde in der Zeit eher Freistöße üben.“ Das war einen Tag, nachdem Bayerns Mannschaftskapitän Michael Ballack den Sieg in Mönchengladbach besiegelt hatte, übrigens mit einem Freistoßtor.

Die Geschichte von Frisur und Freistößen verdeutlicht den Unterschied zwischen den prägenden Persönlichkeiten von Hertha BSC und Bayern München, die heute Abend im Berliner Olympiastadion aufeinander treffen. 22 Punkte trennen beide Klubs, und auch zwischen Ballack und Marcelinho liegen derzeit Welten. Acht Tore hat Ballack in seinen 13 Saisonspielen erzielt. Kein anderer Mittelfeldspieler erzielt so zuverlässig entscheidende Treffer, am Samstag gelang ihm das 1:0-Siegtor gegen Leverkusen. Während die Bayern dem Rest der Liga immer weiter enteilen, hat die Berliner das große Zittern befallen. Auch, weil bei Marcelinho wenig zusammenläuft. Wenn Ballack so etwas wie der Kopf der Münchner ist, dann ist Marcelinho Herthas Achillessehne. Spielt er schwach, schwächelt Hertha. Marcelinhos letztes Tor liegt zwei Monate zurück. Seitdem hat Hertha nicht mehr gewonnen.

Ob Herthas Manager Dieter Hoeneß die Lästerei seines Bruders in Sachen Marcelinho als Seitenhieb verstanden hat? Schließlich war er es, der Marcelinho großzügig mit Freiheiten ausgestattet hat. „Wir wollen aus Marcelinho doch keinen Deutschen machen“, betont Hoeneß immer wieder, wenn Details aus Marcelinhos Lebenswandel an die Öffentlichkeit dringen. Fast fünf Jahre schon versetzt Marcelinho die Berliner Fans gleichermaßen in Entzücken und Entsetzen. In dieser Spielzeit überwiegt bislang das Entsetzen. Bis heute hat er keinen Rhythmus gefunden, weshalb sein Wert für die Mannschaft gesunken ist. Solange Marcelinhos Mitspieler spüren, dass sie von ihm profitieren, dulden sie seine Eskapaden und seinen Sonderstatus. Andernfalls wächst der Unmut. Wie im Dezember, als Niko Kovac dem wankelmütigen Spielmacher Egoismus und Undiszipliniertheit vorwarf. „Wir hätten besser zu zehnt angefangen“, hatte Kovac nach der Niederlage beim Hamburger SV gesagt.

Es ist gar nicht so lange her, da hat fast die gesamte Liga Hertha um den Künstler aus Brasilien beneidet. In der vergangenen Saison wurde Marcelinho zum Spieler der Saison gewählt, mit großem Vorsprung vor Ballack. Marcelinho hatte die Berliner fast im Alleingang in den Uefa-Cup geschossen. Von dieser Form ist er weit entfernt. „Marcello hat ein großes Ziel im Kopf – er will seine letzte Saison übertreffen“, sagt Herthas Trainer Falko Götz. „Aber da will er zu viel. Er muss wieder lernen, einfach zu spielen.“ Wenn es so einfach wäre. Anders als Ballack ist Marcelinho ein gefühliger Fußballer. Bei ihm hängen Lebensfreude und Spielkunst zusammen. „Von den fußballerischen Möglichen halten sich beide die Waage“, sagt Dieter Hoeneß.

Veranlagung ist das eine, Verführbarkeit das andere. Marcelinho braucht ein intaktes Umfeld und eine stabile, gefestigte Mannschaft, um aufzublühen. Ballack ist psychisch weit kühler und daher robuster. Allein seine Präsenz auf dem Platz stärkt seine Mitspieler, reißt sie mit. Ballack ist ein Leader, eine Führungsfigur. Die Hoffnung, dass Marcelinho einmal eine ähnliche Rolle spielen könnte, haben sie bei Hertha längst aufgegeben.

Michael Ballacks Führungsanspruch stellt in München noch nicht einmal das von ihm zuletzt hingehaltene Management in Frage. Bis heute lässt Ballack den FC Bayern München im Unklaren darüber, ob er seinen auslaufenden Vertrag verlängern wird. Real, Chelsea oder doch Manchester? Ballack lässt eine Frist nach der anderen verstreichen und denkt gar nicht dran, seine Planungen der Öffentlichkeit mitzuteilen. Kritik prallt an ihm nicht nur ab, sie scheint ihn sogar zu beflügeln.

Mit Respekt verfolgt Dieter Hoeneß die Diskussionen um den Münchener Ausnahmespieler. „An Michael bewundere ich, dass er trotz seiner ungewissen Zukunft Top-Leistungen bringt“, sagt der Berliner Manager, und insgeheim wird er wohl den Vergleich zu Marcelinho gesucht haben. Als der vor ein paar Wochen laut darüber nachdachte, seinen Vertrag bei Hertha über 2007 hinaus nicht verlängern zu wollen, wurde es selbst Dieter Hoeneß zu albern. Das sei ihm „zu viel Kindergarten“, polterte Hoeneß. An Marcelinhos neue Frisur war da noch gar nicht zu denken.

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