Sport : „Fritz, ich kann nichts mehr sehen“

Mit Moral und geschwollenen Augen gewinnt Dariusz Michalczewski seinen WM-Kampf

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Von Hartmut Scherzer

Braunschweig. Ihre Gesichter boten Trugbilder. Als Dariusz Michalczewski die schwarze Sonnenbrille abnahm, ging ein entsetztes Raunen durch den Presseraum. Der Mann sah aus wie eine Schreckensgestalt aus einem Horrorfilm. Blaurote Schwellungen und Flecken bedeckten beide Augenpartien. Das linke Auge war hinter einer eigroßen Beule verschwunden. Richard Hall, ohne erkennbare Schramme auf seiner dunklen Haut, hockte mit großen Augen andächtig daneben, als käme er von einem Gottesdienst und nicht aus einer Ringschlacht. Aber: Michalczewski war der Sieger durch technischen K. o. nach 1:12 Minuten der zehnten Runde und ist nach seinem 47. Kampf und seiner 22. Titelverteidigung weiterhin unbesiegter Weltmeister im Halbschwergewicht nach Version der WBO.

Hall hatte wieder verloren, wie vor neun Monaten, als er die gleiche Verletzung wie jetzt Michalczewski erlitten und der Ringrichter Mark Nelson (USA) den Kampf abgebrochen hatte. „Fritz, ich kann nichts mehr sehen“, teilte der Champion seinem Trainer nach der neunten Runde lapidar mit. „Dann knock ihn aus“, befahl Trainer Fritz Sdunek trocken. In der anderen Ringecke forderte auch Sekundant Jose Pepe Correa seinen Schützling zum finalen Schlag auf: „Er kann deinen rechten Haken nicht mehr sehen.“ Doch die harte linke Gerade Michalczewskis entschied diesen Kampf. Hall taumelte und geriet im folgenden Schlaghagel in größte Schwierigkeiten. Ringrichter Rudy Paz (USA) sprang dazwischen und signalisierte das Ende.

Der Weltmeister behauptete sich mit seiner Kondition, seiner Moral, seinem Willen, mit der Dominanz seiner Linken – und „seinem Charakter“, sagte Sdunek. Die erste Runde war die schlimmste der über 250 Runden in der Profikarriere Dariusz Michalczewskis. Mit einem dreiminütigen, überfallartigen Trommelfeuer verprügelte der Jamaikaner den Polen regelrecht, landete schwerste Treffer und fügte ihm die Gesichtsverletzungen zu. Es dauerte bis zur vierten Runde, ehe Michalczewski die Krise überstanden hatte und das Kommando übernahm. „Es stand auf der Kippe“, gab er zu.

Nach dem Kampf ist vor dem Kampf. Vom Showdown mit Weltmeister Sven Ottke war die Rede, obwohl Michalczewski noch im Ring den ehemaligen IBF- und WBA-Champion Reggie Johnson (USA) als möglichen nächsten Gegner begrüßte. Aber Ottkes Trainer Ulli Wegner forderte in der Halle Michalczewski offiziell heraus. Dessen Antwort: „Das ist ein sehr interessanter Kampf für alle. Ich hoffe, dass er bald kommt.“ Sein Manager Kohl sprach vom „nächsten Frühjahr“ und ergänzte ironisch: „Nach dem schweren Kampf gegen Hall kommt nun ein leichter Kampf gegen Ottke.“

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