Sport : Fröhlich dem Abstieg entgegen

Joachim Frisch

Bayer Leverkusen ist Herbstmeister. Kunststück, mit einem Konzern im Rücken, der dem Trainer zu Weihnachten mal eben ein, zwei Verträge mit brasilianischen Nationalspielern unter den Baum legt. Das wahre Kunststück der Liga aber hat der Klub am anderen Ende der Bundesliga-Tabelle fertiggebracht: Im Geschäftsjahr 2001 erwirtschaftete der FC St. Pauli einen Gewinn von immerhin 3,5 Millionen Mark. Damit ist der Hamburger Kiezklub Spitze im Profifußball. Das Abenteuer Erste Fußball-Bundesliga wird die finanziell erfolgreichste Saison der Vereinsgeschichte sein, weiß Manager Stefan Beutel schon jetzt. Und das ist beileibe nicht der einzige Superlativ. Als einziger Profiklub lässt man eine Frau die Geschäfte führen. Die heißt Tatjana Groeteke und zeigt den Herren nun einfach mal, wie man schwarze Zahlen schreibt. Zudem kommt der FC St. Pauli mit dem kleinsten Etat (10 Millionen Mark) aus und hält am längsten an einem erfolglosen Trainer fest, worüber so mancher Kollege auf seinem wackligen Stuhl vor Neid erblassen dürfte.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Heile Welt auf St. Pauli? Na ja, da ist immer noch die sportliche Seite. Und genau dort steckt der Wurm drin. In dem Bereich passiert genau das, was Trainer Dietmar Demuth vermeiden wollte, nämlich "zu Weihnachten abgeschlagen unterm Tannenbaum sitzen". Doch während der geplagte Coach jeden Journalisten zur Schnecke macht, der es wagt, sich nach den Planungen für die Zweite Liga zu erkundigen, haben die Vereinsmacher längst mit derlei Überlegungen begonnen, und zwar mit viel Umsicht. 17 Profis bleiben im Falle eines Abstiegs gebunden. Und das bei geringerem Gehalt.

Zudem spart man die Nichtabstiegsprämie sowie etliche Siegprämien. Auch aus diesem Bereich dürften nochmals drei Millionen zusammen kommen, die den Abstieg mit vergolden werden. "Wir fallen auf eine gesunde Basis zurück", sagt Beutel. Der Manager müsste demnach ja fast Angst kriegen, dass sich die Mannschaft noch fängt und plötzlich erfolgreichen Fußball spielt. Doch die Gefahr ist gering, es fehlt das sportliche Potenzial. Jeder weiß, dass alles andere als der sofortige Wiederabstieg der Hamburger ein Wunder gewesen wäre. Dass dies nun nicht eintrifft, nehmen Fans und Spieler gelassen.

Selbst in sportlicher Hinsicht ist positives Denken angesagt: "Der Druck liegt nun immer beim Gegner", hat Oldie André Trulsen nach der jüngsten Heimpleite gegen Werder Bremen festgestellt. Der 1. FC Nürnberg kam damit am Samstag nicht klar, heute steht nun die Berliner Hertha beim Duell mit den Hamburgern unter Druck.

Der Klub aus dem Hamburger Rotlichtviertel mit der Lizenz für die rote Laterne hat trotz des letzten Tabellenplatzes und der schier aussichtlosen Situation schon viel gewonnen. Den Ligarekord von Tasmania 1900, nämlich die schlechteste Mannschaft in der Geschichte der Bundesliga zu werden, wird der FC St. Pauli bei nunmehr acht Punkten (ein Sieg, fünf Unentschieden) nicht mehr brechen können, selbst bei Einbeziehen der Dreipunkteregel. Tasmania holte in der Hinrunde der Saison 1965/66 gerade mal drei Pünktchen, wurde am Ende mit acht Pluspunkten (15:108 Tore) Letzter. Und einen Punkt wird St. Pauli schon noch holen. Irgendwo, irgendwann.

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