Sport : Fröhlich im Regen

Die Diskuswerferin Franka Dietzsch gewinnt das erste Gold für das deutsche Team bei dieser WM

Friedhard Teuffel[Helsinki]

Franka Dietzsch könnte ruhig öfter Weltmeisterin werden, dann würde jeder sehen, dass sich hinter ihrem manchmal grimmigen Gesichtsausdruck viel jugendliche Freude verbirgt. Als ihr Sieg beim Diskuswurf gestern Abend im Olympiastadion von Helsinki feststand, hüpfte sie mit einer Unbekümmertheit auf der Bahn herum, als habe sie gerade zum ersten Mal einen Wettkampf gewonnen. Dabei war sie schon vor sechs Jahren in Sevilla Weltmeisterin und gehört mit ihren 37 Jahren sozusagen zum Ältestenrat der deutschen Leichtathletikmannschaft. „Ich fühle mich wie 20“, sagte sie hinterher. Nachdem vor zwei Jahren kein Weltmeister aus Deutschland kam und im vergangenen Jahr kein Olympiasieger, gibt es nun wieder einen Titel für die deutsche Leichtathletik.

Der Sieg wirkte für Franka Dietzsch wie ein Jungbrunnen, und er machte auch aus einer jahrelangen Abneigung einen Abend lang eine große Liebe. „Eigentlich hasse ich den Regen, aber heute habe ich ihn wirklich geliebt“, sagte Dietzsch. Sie hätte schon am Dienstagabend werfen sollen, doch da war der Wettbewerb wegen eines Unwetters verschoben worden. Darüber war die Sparkassenangestellte aus Neubrandenburg zunächst enttäuscht, weil sie sich schon am Dienstag sehr gut gefühlt hatte. So hatte sie jedoch zwei Tage mehr Zeit, um sich auf das Wetter vorzubereiten, auf viel Wind und einen nassen Wurfring. „Ich war so auf Regen eingestellt, dass ich enttäuscht gewesen wäre, wenn es anders gewesen wäre.“ Den Diskus trug sie unter ihrem Trikot in den Ring.

Gleich mit dem ersten Wurf über 64,89 Meter setzte sie sich an die Spitze, und es war der Beginn einer eindrucksvollen Vorstellung. Ihr weitester Wurf landete bei 66,56 Metern und selbst mit ihrem viertbesten Wurf über 64,36 Meter hätte Dietzsch noch den Titel gewonnen. Von der Zweitplatzierten, der Russin Natalia Sadowa, trennten sie am Ende 2,23 Meter. „Nach der vierten Runde habe ich keinen Druck mehr gespürt, ich wusste, dass ich gewinnen würde“, sagte Dietzsch.

Noch in Athen hatte sie dem Erwartungsdruck nicht standgehalten und hatte sich nicht fürs Finale qualifiziert. „Athen hat mich ein bisschen umgehauen, das große Stadion, die Atmosphäre.“ Seit ein paar Wochen arbeitet sie daher mit dem Psychologen Willi Neumann zusammen, um sich im entscheidenden Moment auf das Wesentliche konzentrieren zu können. Besser hätte ihr das in Helsinki gar nicht gelingen können.

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