Sport : Fröhlich ins Chaos

Gerald Vanenburg wird neuer Trainer beim TSV 1860 München – Vizepräsident Zehetmair tritt zurück

Daniel Pontzen

München. Die Frage ist, ob er sich all das gut überlegt hat, samt allen Konsequenzen. Vielleicht hat bei Gerald Vanenburg auch die süße Erinnerung den Blick auf die Realität getrübt. Von 1998 bis 2000 hat der Niederländer für den TSV 1860 München gespielt, bis in die Champions-League-Qualifikation schafften sie es damals unter seiner Regie, und vielleicht liefen diese Bilder noch einmal vor Vanenburgs innerem Auge ab, als er gestern Mittag in Eindhoven ins Flugzeug stieg, um zu seiner Vertragsunterzeichnung nach München zu fliegen.

Vermutlich wusste er nicht, dass der TSV 1860, den er aus jenen Tagen in Erinnerung hat, außer den Vereinsfarben kaum etwas verbindet mit jenem Verein, den er nun als neuer Trainer und Nachfolger des am Samstag entlassenen Falko Götz vor dem Abstieg retten soll: Mit einiger Hartnäckigkeit profiliert sich Sechzig seit einigen Wochen als Chaos-Klub; die Führungsriege befindet sich zum zweiten Mal binnen eines guten Monats im Zerfallsprozess, sodass man beinahe übersehen könnte, dass der Verein in großer Gradlinigkeit der Zweiten Liga entgegenstrebt. Bei der 1:2-Niederlage gegen den Hamburger SV trat die Mannschaft erneut derart gespenstisch schwach auf, dass es Mut erfordert, ihr noch ein Unentschieden oder gar einen Sieg in einem der verbleibenden fünf Spiele zuzutrauen. Zu allem Überfluss fällt Benjamin Lauth wegen eines Mittelfußbruchs bis Saisonende aus. Trotz allem wird Vanenburg unterschreiben. Vorerst bleibt er bis zum Saisonende, möglicherweise darüber hinaus.

Am Sonntagmorgen fand die Trainerentlassung vom Vortag – zweifellos eine der auf traurige Art unterhaltsamsten der Bundesligageschichte – zunächst eine angemessene Fortsetzung. 1860-Sportdirektor Dirk Dufner beschied im DSF: „Das gibt es in keinem Karnickelverein, dass der Vizepräsident vor dem Präsidenten spricht. Wir haben ein Bild abgegeben, das war einfach unglaublich.“

Am Samstag hatte Vizepräsident Hans Zehetmair unmittelbar nach dem Schlusspfiff, offenbar gegen die interne Abmachung, die Entlassung von Falko Götz verkündet. Götz selbst sagte bei der Pressekonferenz eine Viertelstunde später, er wisse noch nichts von seiner Entlassung, man habe ein Gespräch vereinbart. Wiederum zehn Minuten später beklagte sich Präsident Karl Auer via Premiere bitterlich über das Vorpreschen seines Vize. Um dann zu erklären, „dass wir uns vom Trainer trennen“. Später ergänzte Auer im Hinblick auf Vize Zehetmair: „Unter diesen Umständen kann ich nicht weiter mit ihm zusammenarbeiten. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: er oder ich.“

Am Sonntagmittag sendete Zehetmair die Antwort per Fax an Amtskollege Auer. Offenbar hatte Zehetmair die heftigen Reaktionen auf seine eiligen Statements mitbekommen. Während Auer mit Vokabeln wie „enttäuscht“ und „unerklärliches Verhalten“ ihm gegenüber vergleichsweise höflich blieb, Dufner („völlig unmöglich“, „inakzeptabel“) deutlicher wurde, traf Jörg Wontorra im DSF-Doppelpass den durchschnittlichen Tenor mit der wissenswerten These: „Jeder Zuckerrohrflechter auf den Philippinen wird würdiger entlassen als gestern Falko Götz.“

Zehetmair, jahrelang Minister im bayerischen Kabinett Edmund Stoibers, zog die Konsequenz. Schriftlich teilte er Auer mit, er wolle „unserem Verein in schwieriger Lage nicht im Wege stehen“ und sein Amt deshalb zur Verfügung stellen. Das Fax soll Auer allerdings nicht gleich erreicht haben. Angeblich hat es Zehetmair an Auers Fleischfabrik gesendet. Es wäre eine einleuchtende Fortsetzung des Verhältnisses der beiden. Seit sie nach dem Rücktritt Karl-Heinz Wildmosers vor fünf Wochen mit dem Ziel angetreten waren, eine harmonische Vereinsspitze zu bilden, haben sie in rekordverdächtigem Rhythmus Missverständnisse produziert und einander widersprochen.

Wahrscheinlich wird Vanenburg das nicht allzu detailliert verfolgt haben, sonst wäre kaum zu verstehen, weshalb er sein recht beschauliches Leben als Jugendtrainer des PSV Eindhoven gegen jenes eintauscht, das als 1860-Coach auf ihn wartet. „Ich hatte als Profi eine Superzeit bei 1860, und davon möchte ich etwas zurückgeben", sagte Vanenburg Sonntagvormittag, „normalerweise ist das für fünf Spiele, damit 1860 in der Bundesliga bleibt. Was dann passiert, muss man sehen.“

Es ist übrigens nicht Vanenburgs erste Rückkehr zum TSV 1860. Im Oktober 2001, nach der Entlassung von Werner Lorant, wurde er als Kotrainer von Peter Pacult verpflichtet. Die beiden verstanden sich nicht, Vanenburg zog die Konsequenzen. Nach 20 Tagen hatte er den Verein wieder verlassen.

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