Sport : Fröhlich wortloser Abgang

Materazzi jubelt und schweigt zu Zidane

Sven Goldmann

Berlin - „Marco, was hast du ihm gesagt?“ Mitternacht ist längst vorbei, aber die italienischen Reporter müssen noch ein letztes Geheimnis aufklären, bevor sie aufbrechen können zum Feiern in eine der zahllosen Trattorias in Charlottenburg, Kreuzberg oder Prenzlauer Berg. Was hat Marco Materazzi dem großen Zinedine Zidane zugeflüstert, kurz bevor die Verlängerung überstanden war und der neue Weltmeister im Elfmeterschießen gekürt werden musste? Was war das für eine Bemerkung, die den Franzosen im letzten Spiel zum folgenschweren Kopfstoß trieb? Hat er den Franzosen nur leicht touchiert oder in die Brustwarze gekniffen? Gab es am Ende nicht nur einen bösen Buben, sondern derer gleich zwei?

Marco Materazzi ist ein Fußballspieler, an dem sich Italien reibt. Er steht für den traditionellen Typus des Verteidigers, kopfball- und zweikampfstark, kein eleganter Stratege wie Fabio Cannavaro oder Gianluca Zambrotta. Er wird bald 33 und hat erst spät Karriere gemacht in der Nationalmannschaft. Die offizielle Selbsteinschätzung des Verteidigers von Inter Mailand lautet so: „Wer mich kennt, weiß, dass ich ein guter Kerl bin. Die anderen denken das Gegenteil.“ In Frankreich denken seit Sonntag wahrscheinlich ziemlich viele das Gegenteil, und auch Jens Lehmann hat mit Materazzi schon unangenehme Erfahrungen gemacht. Als Inter in der Champions League daheim 1:5 gegen den FC Arsenal verloren hatte, warf der deutsche Torhüter dem Mailänder Verteidiger vor, er habe mit einer Schwalbe einen Elfmeter provozieren wollen. Materazzi gab zurück: „Lehmann ist einfach nur ein schlechter Torwart.“

Für die Weltmeisterschaft in Deutschland war der 193 Zentimeter lange Materazzi eigentlich nur als Ersatzmann eingeplant. Die Nummer eins in der italienischen Innenverteidigung neben Mannschaftskapitän Fabio Cannavaro war Alessandro Nesta von Inters Lokalrivale AC Mailand. Und doch wurden es die aufregendsten Wochen im Leben des Marco Materazzi. Ein kurzer Rückblick auf das ständige Auf und Ab eines Fußballspielers:

Materazzi war ein Held, als er im letzten Vorrundenspiel gegen Tschechien für den verletzten Nesta eingewechselt wurde und sein erstes Länderspieltor köpfte zum späteren 2:0-Sieg, der Italien den Einzug in die nächste Runde bescherte. Materazzi war ein Depp, als er im Achtelfinale gegen Australien nach 50 Minuten die Rote Karte sah und damit beinahe Italiens Ausscheiden verschuldet hätte. Materazzi war erst eine Notlösung und später einer der Besten beim 2:0 im Halbfinale über Deutschland. Materazzi war die tragische Figur, als er im Finale früh einen Elfmeter verschuldete und kurz darauf fast ein Eigentor fabriziert hätte. Materazzi war der Mann, der die Wende einleitete mit seinem Kopfball zum 1:1. Materazzi war der Provokateur vor Zidanes Ausschluss. Materazzi war der Nervenstarke, der im finalen Elfmeterschießen souverän vollstreckte.

Und Marco Materazzi war und ist der Geheimnisvolle. Einer, der nicht gerne redet, erst recht nicht mit den italienischen Reportern, die den ein wenig staksig wirkenden Verteidiger so oft und so hart kritisiert haben. Nach dem Finale verlässt er wortlos das Stadion, ein Radio zur Ablenkung ans Ohr haltend. „Marco, was hast du ihm gesagt?“ Diese Frage bleibt in der Nacht zum Montag unbeantwortet. Die italienischen Reporter geben schließlich auf. Wer Marco Materazzi kennt, weiß, dass er ein guter Kerl ist. Aber wer kennt ihn schon?

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